Die Dar-as-Salam-Moschee in Berlin-Neukölln, Freitagnachmittag, das Gebet ist gerade vorbei. 13 Frauen sitzen an kleinen Tischen in engen Reihen im ersten Stock – in dem Teil, in den nur Frauen dürfen – und diskutieren kontrovers. Alle gehen sie regelmäßig in die Moschee, sie haben sich bereit erklärt, mit ZEIT ONLINE zu diskutieren. So kontrovers wie der Rest der Republik: Soll jungen Mädchen das Tragen von Kopftüchern verboten werden? Österreich hat gerade ein Gesetz dazu verabschiedet. Die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen denkt darüber nach. In Talkshows und auf Titelseiten diskutieren Experten und Politiker über Vorzüge und Nachteile eines Verbots. 

Nur eine Gruppe wird dabei selten gehört: die Frauen, die Mütter, die selbst Kopftuch tragen. "Vom Nikab zum Burkini, wir sind immer in den Schlagzeilen", sagt Dania Mahmoud*. "Man behandelt uns so, als wären wir eine Bedrohung für die christliche Identität des Landes oder die nächste islamische Invasion, die ganz Europa das Kopftuch aufzwingen und seine Leitkultur zerstören wolle." Aber niemand interessiere sich dafür, was muslimische Frauen tatsächlich zu sagen hätten.

Sie findet: Es solle um das Kindswohl gehen, nicht um politische und religiöse Standpunkte von Befürwortern und Gegnern. Welche Auswirkungen hätte ein solches Verbot auf die Psyche der betroffenen Kinder? Die anderen Frauen pflichten ihr bei. Der Ton der Debatte sei völlig falsch.

Die 13 blättern in Koranen und lesen abwechselnd daraus vor. Ihre verschiedenen Hintergründe kann man an ihren Dialekten hören und an ihren Gesichtszügen und ihrer Kleidung sehen. Die meisten von ihnen leben schon seit ihrer Kindheit in Deutschland und sind aus Palästina, dem Libanon und Marokko eingewandert. Vier kommen aus Syrien und sind erst vor Kurzem nach Deutschland gekommen. Sie alle erklärten sich bereit, mit den Medien zu reden, allerdings erst nachdem der Mohamed Taha Sabri, der Imam der Moschee, seine Zustimmung gegeben hat. Dem Geistlichen ist wichtig: Jeder kann seine Meinung haben, das sei aber nicht automatisch die der Moschee. Der Verein gibt sich offen, taucht aber immer wieder in Berichten des Verfassungsschutzes auf, wegen mutmaßlicher Verbindungen zur Muslimbruderschaft. Die Frauen haben ihren eigenen Kopf, auch liberale Meinungen werden akzeptiert, beim Thema Kopftuch will der Imam seinen Gemeindemitgliedern nicht reinreden.

Kopftuch für Kinder - »Da gucken wieder alle auf dem Spielplatz« Die meisten muslimischen Eltern wollen nicht, dass ihre kleine Tochter ein Kopftuch trägt, sagt die Islamwissenschaftlerin Juliane Kanitz. Warum, erklärt sie im Video. © Foto: Sarah Lehnert für ZEIT ONLINE

In Syrien leitete Mahmoud eine Schule. Vor drei Jahren kam sie nach Deutschland. In ihrem Alltag in Berlin trägt sie ein farbenfrohes Kopftuch. Daran erkennt man, dass die Mittfünfzigerin keine muslimische Hardlinerin ist. Das Tuch sei vielmehr Ausdruck ihrer Persönlichkeit, genauso wie ihre Brille, die sie immer trage, sagt sie. Sie wundert sich über die Art und Weise, wie das Thema in den Medien als Symbol für die Unterdrückung von Frauen behandelt wird. In ihrem Leben sei sie stets Herrin ihrer Entscheidungen gewesen. Ihre beiden Töchter legten das Kopftuch ab, als sie nach Europa kamen. Mahmoud gefiel das nicht. Doch sie akzeptierte die Entscheidung.

Sumaya sieht das anders. Sie lebt seit ihrem sechsten Lebensjahr in Deutschland, sie stammt aus Palästina und trägt eine Galabia, ein langes schwarzes Gewand. Sie ist Mutter von drei Mädchen, von denen die jüngste noch in der Grundschule ist. Alle tragen sie ein Kopftuch. Die Kleinste habe sich selbst für das Tuch entschieden, sagt sie. Weil sie wie ihre Mutter und ihre großen Schwestern aussehen wolle. "Wie wird sich meine Tochter fühlen, wenn sie gezwungen wird, das Kopftuch in der Schule abzulegen? Wie wird sie das Richtige vom Falschen unterscheiden können? Oder sollten wir ihr zu verstehen geben, dass es in Ordnung ist, ihre Überzeugungen – je nachdem ob sie in oder außerhalb der Schule ist – zu ändern?"

In der Moschee gibt Sumaya ehrenamtlich Religionsunterricht. Aus ihrer Sicht ist das Kopftuch für Mädchen der beste Schutz vor einem Abdriften in das, was sie den "westlichen Lebensstil" nennt. Es sei das letzte Mittel, um sie vor den Einflüssen der westlichen Gesellschaft zu schützen und die Familientraditionen zu bewahren.

Innermuslimische Kontroverse

In der Berliner Nachmittagshitze hilft den Frauen nur eiskaltes Wasser, um die leidenschaftliche Debatte zwischen den zwei Lagern abzukühlen. Die neuen Einwanderinnen am Tisch zeigen eine gewisse Flexibilität im Umgang mit den veränderten Lebensumständen: Sowohl mit einer Entscheidung des Staates, das Kopftuch an Schulen zu verbieten, als auch mit dem individuellen Entschluss jedes Mädchens in dieser Frage, scheinen sie sich arrangieren zu können. Viele Flüchtlinge wollen sich an die sozialen Gepflogenheiten des neuen Landes anpassen.

Der Standpunkt der islamischen Theologie zur Verschleierung junger Mädchen sei eindeutig, erklärt Taha Sabri, der Imam. Erst mit dem Beginn der Pubertät werde das Tragen des Kopftuchs zu einer religiösen Pflicht, ein kleines Mädchen mit unbedecktem Haar verletze somit kein religiöses Gebot. Zudem spiegele die muslimische Community in Deutschland die Diversität der Gesellschaften wider, aus denen die Muslime eingewandert sind. In Syrien verstehe man unter "islamischer Kleidung" – und dazu gehört natürlich das Kopftuch – etwas anderes als in afrikanischen Ländern.

Der Imam glaubt, dass die muslimische Minderheit mutig auf diese Menschen zugehen muss, um ihre Ängste ab- und Vertrauen aufzubauen. "Wir müssen dem Anderen unsere Türen öffnen. Die Begegnung wird zum gegenseitigen Kennenlernen und zum Abbau von Ängsten führen, sodass wir miteinander und nicht nebeneinander leben."

Trotz fundamentaler Meinungsverschiedenheiten steht am Ende der Diskussion ein Konsens: Wenn schon ein Verbot, dann bitte auch ein Verbot aller religiöser Symbole – nicht nur des Kopftuchs.

Übersetzung: Mohamed Boukayeo, Mahara-Kollektiv

*Name geändert