Wie sie so dasitzen auf dem Kantstein, die Beine ausgestreckt, jede einen Pappbecher in der Hand, könnte man die beiden jungen Frauen für Nachtschwärmerinnen halten, die die Ruhe des lauen Frühlingsabends noch etwas genießen wollen. Doch sie sitzen nicht freiwillig an der Kreuzung vor dem Stadttheater von Münster. Sie können nicht nach Hause. Ihre Wohnungen liegen innerhalb des Altstadtrings. Den hat die Polizei vor Stunden weiträumig abgesperrt. Ein Konzert im Dom wurde abgesagt.

Die beiden Frauen sind zum Theater gegangen, das seinen Tanzabend "Hold on" ausfallen lässt, um die Anwohner jenes Ortes aufzunehmen, an dem am Samstagnachmittag ein Mann einen grauen VW-Campingbus in vollbesetzte Wirtshaustische gelenkt hatte. Hier am Kiepenkerl-Denkmal starben eine 51-jährige Frau aus dem Kreis Lüneburg und ein 65-jähriger Mann aus dem Kreis Borken. Der Fahrer des Wagens erschoss sich am Tatort. Mehr als 20 Menschen wurden verletzt, einige davon schwer und auch lebensgefährlich.

Großeinsatz in der Altstadt von Münster

Am Eingang des Theaters erwarten Polizisten in gelben Westen weitere Anwohnerinnen und Anwohner. Rund 40 haben sie schon aufgenommen und mit Getränken, Obst und Brezeln versorgt. Noch immer kommen Neue, obwohl es auf Mitternacht zugeht. "Ich wohne da vorne, Ecke Bergstraße, kann man da rein?", fragt eine junge Frau. Sie hat nicht mehr als eine dünne Jacke dabei. "Wenn da noch abgesperrt ist, dann nicht", antwortet eine Polizistin und fragt routiniert weiter: "Wissen Ihre Familie oder Ihre Freunde, wo Sie sind?" 

Für sie alle kann es noch eine lange Nacht werden. Denn wenige Hundert Meter weiter sind Sprengstoffexperten damit beschäftigt, das Tatfahrzeug zu untersuchen. Von außen seien darin Drähte erkennbar gewesen. Eine Bombe? Die Polizeisprecherin will das nicht bestätigen. Schon aus Sicherheitsgründen müsse man den Abstand groß halten, niemand wolle doch von einer Druckwelle erfasst werden. Druckwelle? Also doch Sprengstoff? Nein, nein, sagt sie, das sei nur hypothetisch gemeint, aber man müsse eben mit allem rechnen. Gegen 0.30 Uhr wird die Polizei schließlich melden, dass von dem Tatfahrzeug keine Gefahr mehr ausgehe.

Münster, ein Wohlfühlort

Muss man mit allem rechnen, ausgerechnet hier? Münster in Westfalen, das ist eine eigene Welt. Ein Hort gediegener, friedlicher Bürgerlichkeit. Rund 300.000 Einwohner hat die Stadt, 50.000 von ihnen studieren. Katholischer Bischofssitz, Verwaltungshauptstadt Westfalens, kaum Industrie. Münster kennt keine großen sozialen Verwerfungen. Anders als in den meisten anderen Großstädten Nordrhein-Westfalens haben die Münsteraner ihre völlig zerstörte Altstadt nach dem Krieg weitgehend nach Struktur und Gestalt der Vorkriegszeit wieder aufgebaut. Elegante Giebel, schmale Straßen, enge Gassen, Kopfsteinpflaster, große Kirchen. Über die Jahrzehnte ist der Stadtkern zu einem Wohlfühlort geworden. 2004 gab es dafür sogar den Titel lebenswerteste Stadt der Welt.

Und so lebt man hier auch: Samstagmorgens gehen Münsteranerinnen und Münsteraner auf den weitläufigen Markt auf dem Domplatz. Nicht unbedingt wegen des Gemüses, das dort angeboten wird, jedoch wegen des Kaffees, um danach unter den Arkaden des Prinzipalmarkts zu flanieren. Dort trifft man dann auf die Touristenmassen, die sich ebenfalls durch die Altstadtstraßen drängen, die Fassade des Rathauses bewundern oder die Auslagen der exklusiven Geschäfte. Alles, um anschließend die Cafés und Gasthäuser zu belagern. Besonders an einem letzten Wochenende der Osterferien wie diesem.