Am frühen Morgen irrt ein junges Paar über die Bergstraße in Münster. Inzwischen fahren dort wieder Autos, nachdem die Polizei die großflächige Absperrung der Altstadt aufgehoben und auf die nähere Umgebung des Tatorts beschränkt hat. Der Ort, an dem am Samstag ein Mann in eine Menschenmenge gefahren ist, zwei Menschen getötet, etwa 20 verletzt und sich selbst erschossen hat, ist nur wenige Meter von der Bergstraße entfernt. Doch an der Absperrung hat sich eine Phalanx aus Fernsehkameras aufgebaut. Hier ist kein Durchkommen.

Das Paar macht kehrt. Die Frau zieht die weiße Strickjacke enger um sich. "Haben Sie eine Gedenkstätte gefunden?", fragt sie. "Wir wollten ein paar Kerzen anzünden. Aber es ist wohl noch zu früh." Tatsächlich finden sich am Sonntag wenige Anzeichen für das, was geschehen ist. Das eingerüstete Rathaus trägt Trauerflor an seiner Stadtfahne. Vor dem Gebäude der Bezirksregierung wehen drei Fahnen auf Halbmast. Abgerissenes Absperrband hängt an Straßenschildern. Viel mehr ist nicht zu sehen.

So wird der Paulusdom zum ersten Trauerort an diesem Tag. Die Worte, die hier gesprochen werden, erreichen gleich die ganze Republik. Denn ausgerechnet dieser Gottesdienst wird, wie schon seit Wochen geplant, im Deutschlandfunk übertragen. "Wir haben uns diese Messfeier auch anders vorgestellt", sagt Domkapitular Klaus Winterkamp. Er sei tief erschüttert von den Ereignissen, die auf so brutale Weise Tod und Leid in das Leben vieler Menschen gebracht hätten.

"Suche Frieden" lautet das Motto des 101. Deutschen Katholikentags, der im Mai in Münster stattfinden wird. Es sei nun aktueller denn je, findet Klaus Winterkamp: "Da wir haben erfahren müssen, wie fraglich und unsicher der Frieden sein kann."

Flucht vor den Kameras

Vom Dom hinunter zum Platz mit dem Kiepenkerl-Denkmal führt eine kurze Treppe. Dort geht es weniger um Friedenssuche als um die Jagd nach guten Bildern, nachdem die Polizei den Tatort dann doch weitgehend freigegeben hat. Vor dem Denkmal sind Blumen und Kerzen abgestellt. In einem Halbkreis darum lauert eine Kamera neben der anderen, so dicht, dass sich kaum ein Passant herantraut. Eine junge Frau schiebt sich schließlich zwischen den Stativen hindurch und stellt eine Kerze ab. Schnell flüchtet sie wieder, als sich alle Objektive auf sie richten. Wenige Meter weiter brennen vor einem Lokal auf einem Tisch zwei Kerzen, dazwischen liegt verloren ein Blumenstrauß.

Dann kommen sie: Bundesinnenminister Horst Seehofer, Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet, dessen Innenminister Herbert Reul, Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe. Sie legen Blumen nieder, falten die Hände zum Gebet. Ein schrecklich trauriger Tag sei das, sagt Laschet. Er spricht den Angehörigen sein Beileid aus, dankt den Helfern, kündigt an, die Opferschutzbeauftragte des Landes werde am Montag nach Münster kommen, um jedem zu helfen, der von den Folgen der Tat betroffen sei. Laschet lobt die Besonnenheit der Münsteranerinnen und Münsteraner.

Noch ein Eintrag ins Kondolenzbuch, dann ist alles getan, was das politische Ritual in solchen Momenten vorsieht.

Das Schweigen der Ermittler

Die Fragen, was genau Münster eigentlich heimgesucht hat, wer der Täter war und warum er so handelte, bleiben unbeantwortet. Staatsanwaltschaft und Polizei schweigen sich aus und verweisen auf die laufenden Ermittlungen. Lediglich Innenminister Reul gibt einige Hinweise: Es gebe "eine Menge Erkenntnisse", dass das Motiv in der Person des mutmaßlichen Täters liege. Später sagt er, dass es sich wohl um einen Einzeltäter handle, der psychisch auffällig gewesen sei.

Dieser Mann, Jens R., ein Industriedesigner, lebte einige Straßen südwestlich des Hauptbahnhofs. Das unscheinbare Mehrfamilienhaus stammt wohl aus den Fünfziger- oder Sechzigerjahren. Die Fenster des Treppenhauses sind gelb verglast, die Rollos vieler Fenster zugezogen. Polizisten bewachen den Eingang, die anderen Hausbewohner haben ihre Wohnungen vorübergehend verlassen.

Die Polizei hatte R.s Wohnung am Samstagabend durchsucht und fand dort neben einer nicht funktionsfähigen Maschinenpistole, Modell AK 47, sogenannte Polenböller, wie sie auch im Tatfahrzeug sichergestellt wurden. Auf den Namen des Tatverdächtigen war die Polizei recht schnell gekommen – der graue VW-Campingbus, der die Menschen überfahren hatte, gehörte Jens R.

Alles Weitere bleibt auch am Sonntag Spekulation. War es ein "erweiterter Suizid"? Stimmt es, dass R. angekündigt hatte, sich zu töten? Oder hatte er ganz andere Motive für seine Tat? Nichts ist sicher.

"Wir sind nicht am Ende", sagt Innenminister Reul. "Das ist die Stunde der Ermittler."

Die Bürgerinnen und Bürger von Münster werden sich am Abend Raum zur Trauer schaffen. Die christlichen Kirchen haben zu einem Gedenkgottesdienst in den Dom eingeladen.