Dieser Text gehört zu unserer Reportageserie "Überland". Neun Lokalreporter berichten für ZEIT ONLINE aus ihrer Region. Die Serie ist Teil unseres Ressorts #D18 , in dem wir Deutschland Deutschland erklären wollen.

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Ostritz liegt im hintersten Winkel von Sachsen, im Funkloch. Manchmal schaltet sich das Netz aus dem polnischen Nachbarort ein. Dafür sind der Marktplatz und die Kirche sehr hübsch, die Vorgärten gepflegt, die Straßen leer und still. Einmal im Jahr galoppieren Osterreiter durch die Kleinstadt, das ist der Höhepunkt des Jahres in dem katholischen Landstrich. Wenn überhaupt, dann tauchte Ostritz bisher nur wegen der Osterreiter in den Lokalnachrichten auf. 

Viele der 2.400 Bewohner mögen genau diese überschaubare Abgeschiedenheit. Nun aber liefert der Ort seit Tagen Meldungen in großen deutschen Medien. Es ist die Rede von Ausnahmezustand und Belagerung. Von Rechtsextremen, die sich im Hotel Neißeblick am Ortsrand treffen. Ausgerechnet am 20. April, dem Geburtstag von Adolf Hitler, eröffnen sie das dreitägige Festival Schild und Schwert, szeneintern abgekürzt: SS. Seit Monaten dreht sich alles in Ostritz nur um dieses Wochenende. Manche fürchten sich davor, andere wollen sich diese Heimsuchung nicht einfach so gefallen lassen. Und zwischendrin plagen sich in Ostritz allerhand Unentschiedene.

"Im Heim waren alle ganz aufgeregt"

So wie Familie Schmidt, die nervös über ihren Gartenzaun schaut und die Uhr am liebsten vordrehte. Am besten auf den Sonntagabend, wenn alles wieder vorbei sein wird. Der Trubel und die vielen Fremden im Ort sind ihnen nicht geheuer, deshalb wollen sie ihre richtigen Namen lieber für sich behalten. Die Mutter ist Altenpflegerin und kommt gerade von der Arbeit. "Im Heim waren die alten Leute ganz aufgeregt und haben immer wieder gefragt, ob denn die Straßen überhaupt noch frei sind." 

Die Zahlen des Wochenendes sagen auch die Schmidts immer wieder auf, als könnten sie immer noch nicht glauben, was da gerade vor ihrer Haustür passiert. 1.000 Rechtsextreme werden erwartet. Dazu Protestler von linken Parteien. Außerdem etliche Hundert Besucher beim Ostritzer Friedensfest auf dem Marktplatz. Schließlich 1.000 Polizisten, die diese Lage absichern sollen. Es ist der größte Einsatz in der Region seit zehn Jahren.

"All diese Vorbereitungen, das ist doch Wahnsinn!"

"Also kommt ein Polizist auf zwei Einwohner", rechnet Frau Schmidt. "Mensch, so einen Betreuungsschlüssel müssten wir mal bei uns im Heim haben." Ihr Mann überlegt hin und her: "Ob wohl alles ruhig bleibt? Ach, es wird schon alles ruhig bleiben." Und der Sohn, der beim Bäcker im Ort arbeitet, schimpft ein bisschen über die Umstände. Gleich muss er zur Schicht, sein Arbeitsplatz liegt im Sperrgebiet. Die Kollegen und er haben vorher Namenslisten bei der Polizei abgegeben und müssen sich nun jedes Mal ausweisen, wenn sie in die Backstube wollen. "All diese Vorbereitungen, das ist doch Wahnsinn! Dabei können wir doch gar nichts dafür, dass die Rechten zu uns kommen." 

Schon seit Monaten werden sämtliche Szenarien durchgespielt, von Anwohnern, Polizei und Journalisten. In den schlimmsten artete Ostritz zum Gewaltgipfel zwischen Linken und Rechten aus und wurde zu einem zweiten Themar. In dem Thüringer Ort hatten letztes Jahr 6.000 Neonazis gefeiert, die Bilder gingen durchs ganze Land. Vorher hatte Themar kaum jemand gekannt, seither denkt man an Nazihorden, wenn der Name fällt. Wird es in Ostritz auch so kommen?