Ostritz rechnet mit dem Schlimmsten. Die Ortsverwaltung empfahl Mitte April den Bürgern auf ihrer Website, ihre Versicherungsmakler zu konsultieren. Versicherer böten einen "erweiterten Schutz für Klienten für deren Eigentum" an. Der Hintergrund der Empfehlung: Das sogenannte Schild- und Schwert-Festival, ein Neonazi-Treffen, das den 2.400-Einwohner-Ort an der Oberlausitzer Neiße am Wochenende heimsuchen wird. Etwa 1.000 Rechte und Rechtsextremisten aus ganz Deutschland und dem osteuropäischen Ausland werden auf dem Gelände des Hotels Neißeblick erwartet, wenige Schritte von von der polnischen Grenze entfernt.

Ob es friedlich bleibt, ist ungewiss. Die Gewaltbereitschaft auf dem Neonazi-Festival könne nicht hoch genug eingeschätzt werden, erläuterte ein sächsischer Verfassungsschützer, der zu einer extra angesetzten Informationsveranstaltung nach Ostritz gekommen war, aber anonym blieb. Ziel des Treffens sei es, "die Aktions- und Gewaltbereitschaft der rechtsextremistischen Szene" zu stärken. Entsprechend entschlossen mobilisieren die Neonazi-Gegner. Viele junge Linke werden ab Freitag anreisen. In ganz Ostdeutschland rufen linke Gruppen dazu auf, Bus-Shuttles zu nutzen und Fahrgemeinschaften zu bilden.

Keiner soll sagen können, die Ortsverwaltung Ostritz habe die Menschen nicht gewarnt. Doch eine Versicherung gegen die Neonazis selbst gibt es nicht. Der Betreiber des Hotel Neißeblick hat dem Thüringer Rechtsextremisten und NPD-Politiker Thorsten Heise sein Gelände für das Szeneevent zur Verfügung gestellt. Hunderte haben sich bereits angemeldet. Heise und seine Leute haben angekündigt, Park- und Zeltplätze seien für 10.000 Menschen vorhanden. Die Polizei rechnet mit Neonazis aus ganz Deutschland, aus Russland, der Ukraine, Tschechien und Polen.

In den Hallen auf dem weitläufigen Hotelgelände werden Heises Gäste Hitlers Geburtstag feiern und die Hetztexte von Rechtsrockbands, wie die Lunikoff-Verschwörung, mitgrölen. Die Gruppe stammt aus dem Umfeld von Michael Regener.

Er ist Ex-Sänger und Frontmann der ehemaligen Berliner Gruppe Landser, die sich als "Terroristen mit E-Gitarren" bezeichnete. In der Neonazi-Szene ist sie Kult. Ähnliche Bands werden erwartet. Hinzu kommen weitere Neonazi-typische Kulturevents: Eine Tätowierkunst-Convention für das "Medium Haut" ist angekündigt, in einer Arena wird der "Kampf der Nibelungen" ausgetragen.

Der Zugriff der Behörden auf das Hotelgelände ist juristisch geteilt: Wo politische Reden gehalten werden, gilt Versammlungsrecht, die zuständige Behörde verhängte hier ein Alkoholverbot. Das Konzert- und Eventgelände verteidigt Heise als kommerzielle Veranstaltung. Hier ist für die Polizei schwieriger, Auflagen zu machen.

Hotelbesitzer würde auch an die NPD verkaufen

Die Polizei werde zwar regelmäßig Kontrollgänge über das Gelände machen, um Rechtsverstöße ahnden zu können, sagt ein Sprecher. Neonazis mit Hakenkreuztattoos auf den Armen werden sich deshalb wieder langärmlig kleiden oder Binden um die Arme wickeln, wie es bei solchen Treffen oft zu beobachten ist. Wie aber der kommerzielle und der politische Bereich wirksam voneinander abzugrenzen sind, weiß auch der Sprecher nicht genau zu sagen. "Das Areal ist sehr weitläufig."

Tickets für Schild und Schwertkosten bis zu 195 Euro. Das Hotel braucht Geld. Eigentümer Hans-Peter Fischer klagt, das Geschäft laufe schlecht, weil er nach dem verheerenden Hochwasser von 2010 keine Hilfe erhalten habe. Seit die landmannschaftlichen Schlesien-Reisenden ausbleiben, sei er gezwungen, an "alle interessierten Gruppen" zu vermieten, wie der hessische Bauunternehmer der Sächsischen Zeitung sagte.

Dass am Wochenende Bands auftreten, deren Titel auf dem Index stehen, "ist dann aber nicht mein Problem", sagt er. Fischer war selbst zehn Jahre in der NPD, beteuert heute aber, nichts mehr mit ihr zu tun zu haben. Er würde sein Hotel auch gern an die NPD verkaufen, sagte er in dem Interview. Damit setzt er die Kommune unter Druck, selbst zu zahlen. 

Bis zu 7.000 Teilnehmer

Rechte Szeneevents und -strukturen gibt es in Sachsen schon lange. Der NPD-Parteiverlag Deutsche Stimme ist in Riesa, die NPD saß vor wenigen Jahren noch im Landtag. Schon 2012 hielt der Landesverband seinen Parteitag in Fischers Hotel in Ostritz ab. Am nahen Quitzdorfer Stausee fand 2016 ein rechtes Sport- und Familienfest statt. Ein dort am Ufer entstandenes Feriendorf gehört zur Familie von Heidi Benneckenstein – einer jungen Frau, die in einem jüngst erschienen Buch ihren Bruch mit der rechten Szene beschreibt. Nahe des Camps traf sich 2007 die später verbotene Neonazi-Organisation HDJ. Im südlich gelegenen Zittau feierten 150 Gäste jüngst das 25-jährige Bestehen des Nationalen Jugendblock e.V.

Vorbild von Schild und Schwert sind die Pressefeste des NPD-Verlags. Ins unweit gelegene Mücka kamen zu einem dieser Feste 2004 mindestens 4.000 Neonazis, die NPD sprach von 7.000. Von der Bühne hetzte mit dem später weggemobbten NPD-Chef Holger Apfel auch Ex-Vorsitzender Udo Voigt, der jetzt auch nach Ostritz kommen soll.

Doch Voigt, Heise und ihre Anhänger haben Ostritz nicht für sich. Seit Monaten formiert sich Widerstand, nicht nur von linken Aktivisten. Eine Online-Petition kam auf knapp 5.000 Mitzeichner. 40 Bürgermeister forderten in einer Erklärung, das Festival solle "Nicht in Ostritz, nicht anderswo!" stattfinden. Auf dem Marktplatz wird ein Friedensfest gegen Rechts organisiert. Ministerpräsident Michael Kretschmer soll es eröffnen, der Bachchor Görlitz singt, Punk- und Hiphop-Gruppen treten auf. Parteien blieben außen vor, weil die Initiatoren die AfD nicht dabeihaben wollten.