Für die Richter, die ihm schräg gegenübersitzen, hat Mathias Grasel belehrende Worte parat. Trotz des Drucks der Öffentlichkeit und dem "nachvollziehbaren Wunsch, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen", dürfe seine Mandantin nicht als Stellvertreterin bestraft werden, doziert er. Seine Mandantin, das ist Beate Zschäpe, einziges überlebendes Mitglied des NSU-Trios und Hauptangeklagte im Münchner Prozess um die rechtsextreme Terrorgruppe.

Für eine Lektion in Strafrecht dürften die Richter um den Vorsitzenden Manfred Götzl keinen Bedarf haben. Trotzdem legt Grasel nach: "Den Letzten beißen die Hunde", das dürfe nicht das Motto des Richterspruchs sein. Stattdessen müsse der Rechtsstaat aushalten, dass die verstorbenen NSU-Mitglieder Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt nicht mehr bestraft werden können.

Es ist der dritte und letzte Tag des Plädoyers von Grasel und seines Kollegen Hermann Borchert, die als sogenannte Vertrauensanwälte von Zschäpe fungieren. Ihre drei Altanwälte halten im Anschluss ein eigenes Plädoyer.

Zschäpe: weitgehend unschuldig?

Schon bevor der Schlussvortrag am Dienstag begann, war die Stoßrichtung klar: Beate Zschäpe sei weitgehend unschuldig und keineswegs Mittäterin an den Morden und Bombenanschlägen, die Mundlos und Böhnhardt während der 13 Jahre des NSU im Untergrund verübt hatten. Selbstverständlich wollen die Verteidiger nicht die Forderung der Bundesanwaltschaft akzeptieren: lebenslange Haft, die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld und Sicherungsverwahrung. Damit käme die 43-Jährige womöglich nie wieder frei.

Grasel und Borchert kehren das Prinzip um: Statt von maximaler Schuld gehen sie vom kleinstmöglichen Maß an Mitverantwortung aus. Ihre Auslegung entspricht ziemlich genau nur den Tatsachen, die sich selbst mit einem Höchstmaß an Kreativität nicht verleugnen lassen, weil die Beweislage eindeutig ist. Das sind: Beihilfe zum schweren Raub in zehn Fällen, zur räuberischen Erpressung in drei Fällen und zum versuchten schweren Raub in zwei Fällen – die Raubüberfälle, mit denen der NSU sein Leben finanzierte. Hinzu kommt besonders schwere Brandstiftung in Tateinheit mit Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion – am 4. November 2011 zündete Zschäpe die Zwickauer Wohnung des Trios mit Benzin an und verursachte dabei eine Verpuffung, in der Wohnung nebenan hielt sich eine gebrechliche Nachbarin auf.

Im Vergleich zu dem Terror, der die Bundesrepublik aus den Angeln heben sollte, sind diese Delikte bloß der kleine Rest. Entsprechend fällt die Forderung nach dem Strafmaß aus: Borchert beantragt eine Gesamtstrafe von nicht mehr als zehn Jahren. Sollte das Gericht dem nachgeben, stünde Zschäpe schon kurz vor der Entlassung: Sie sitzt seit sechseinhalb Jahren in Untersuchungshaft. Diese wird auf eine Gefängnisstrafe angerechnet.

Zschäpe soll nicht mehr rechtsextrem sein

Dass es dazu kommt, ist jedoch hochgradig unwahrscheinlich – abzulesen unter anderem daran, dass vom Plädoyer Borcherts und Grasels nur wenig hängen bleibt. Zwei Tage lang hatte Borchert gesprochen – dabei aber keinen substanziellen Vortrag gehalten, sondern eine einzige Schimpftirade gegen die Bundesanwaltschaft losgelassen. "Hier werden Mosaiksteinchen gesucht, um die Glaubwürdigkeit der Mandantin in Zweifel zu ziehen", empörte er sich am Vortag. Dass er damit ziemlich akkurat seine eigene Plädoyer-Methode beschrieb – einerlei.

Bemerkenswert ist vor allem, was Zschäpe in den Augen ihrer Verteidiger nicht ist. Keine Mittäterin bei den Morden und Anschlägen, auch kein Mitglied der Vereinigung Nationalsozialistischer Untergrund – diesen hätten nur Mundlos und Böhnhardt gegründet und betrieben. Außerdem sei ihre Mandantin heute keine Rechtsextremistin mehr. "Ich bin persönlich der festen Überzeugung, dass bei Frau Zschäpe keinerlei staats- und gesellschaftsfeindliches Gedankengut mehr vorhanden ist", sagt Grasel. Das macht er unter anderem daran fest, dass Zschäpe nicht auf den Brief antwortete, den ihr der norwegische Attentäter Anders Behring Breivik ins Gefängnis geschickt hatte.