Dieser Text gehört zu unserer Reportageserie Überland. Neun Lokalreporter berichten für ZEIT ONLINE aus ihrer Region. Die Serie ist Teil unseres Ressorts #D18, in dem wir Deutschland Deutschland erklären wollen.

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Eine normale Szene in Lüchow im Wendland, einer Kleinstadt mit 10.000 Einwohnern: Eine Hundertschaft Polizisten rückt in schwerer Montur an, die Innenstadt wird gesperrt. Eine Gruppe Demonstranten zieht durch die Straßen, manchmal sind es 60, manchmal einige Hundert. Mal protestieren sie gegen die Fahndung der Polizei nach dem G20-Gipfel in Hamburg. Mal gegen "deutsche Waffen, deutsches Geld", mit dem die türkische Armee ihren Vormarsch auf Afrin in Nordsyrien vorantreibe. Meist bleibt der Protest friedlich, nur hin und wieder setzt die Polizei Tränengas ein.

In jeder Kleinstadt Deutschlands wäre eine solche Demonstration etwas Ungewöhnliches. Nicht in Lüchow-Danneberg. Nach den jahrelangen Auseinandersetzungen um die Castor-Transporte aus dem nahe gelegenen Gorleben sind die Bewohner Härteres gewohnt. Auch die meisten Demonstranten kennt man und weiß, wo sie sich organisieren: in einem Gebäude, das einige Kilometer abseits der Stadt liegt, im 50-Einwohner-Ort Meuchefitz. Hier hat das autonome Seminarhaus Gasthof Meuchefitz seinen Sitz.

Ein hoher Backsteinbau mit spitzem Giebel, an der Fassade hängt ein Transparent: "Waffenexport=Völkermord". Drum herum ein großer Garten und alte Bäume. Vor der Tür steht eine selbst gebastelte Bushaltestelle: Abfahrt zum G20-Protest. Der Flur hängt voller Plakate und Aufkleber. Mal geht es gegen Neonazis, mal gegen Kapitalismus, mal gegen Kleidungsproduktion in Bangladesch.

Es gibt Rotwein von einem anarchistischen Kollektiv

Der Gasthof ist eine linke Kommune und Gasthaus, zehn Mitglieder wohnen hier. Ihr Ziel: die "profitorientierte Lohnarbeit" aufheben und in einem System der selbstverwalteten Arbeit leben. Früher betrieben die Kommunarden auf 25 Hektar eigene Landwirtschaft, doch das Ziel haben sie irgendwann aufgegeben. Nun konzentriert sich die Kommune auf den Betrieb des Seminarhauses und die Organisation des Protests.

Im Erdgeschoss hat eine Kneipe einmal die Woche geöffnet, immer donnerstags. Wer sie besucht, muss damit rechnen, Leute kennenzulernen, die er nie kennenlernen wollte. Rund 200 Menschen füllen an diesem Donnerstag den Gastraum. Viele tragen Dreadlocks, aber an den Tischen sitzen auch ältere Frauen mit Klunkern in den Ohren und Männer, die auf einem Schützenfest weniger auffallen würden als hier.

In der offenen Küche läuft Punk, die Käsespätzle sind gegen halb acht schon aus. Der Meuchefitz-Teller – vegan und von allem ein bisschen – ist noch zu haben, auch der Rotwein von einem anarchistischen Kollektiv. Die Preise steigen mit dem Gehalt. Einschätzen muss sich jeder selbst, die meisten wählen die Mitte zwischen sieben und elf Euro. Wenn das Essen fertig ist, läuft ein älterer Mann mit weißem Zopf, Bart und Trockentuch am Gürtel durch den Gastraum und schreit Namen auf der Suche nach denen, die bestellt haben. "Martin!" – "Monika!"