ZEIT ONLINE: Herr Rettenberger, wie wird ein Mensch zum Gewalttäter?

Martin Rettenberger: Daran gedacht, Gewalt auszuüben, hat jeder Mensch schon einmal. Das ist nicht problematisch. Die meisten leben diese Fantasien aber nicht aus und beherrschen sie.

Begünstigt wird eine Gewalttat, wenn ein Mensch impulsiv veranlagt ist, wenn Drogen im Spiel sind oder er psychisch krank ist. Konkret zum Gewalttäter wird ein Mensch auf zweierlei Weise: Entweder handelt er im Affekt – das klassische Lehrbuchbeispiel hierfür ist der Mann, der seine Frau mit einem Nebenbuhler erwischt und ihn erschlägt. So etwas passiert oft im direkten sozialen Umfeld des Täters, dem sozialen Nahraum. Im anderen Fall spielt der Affekt ebenfalls eine Rolle, aber der Täter ist zudem psychisch krank. Die Krankheit setzt seine Impulskontrolle herab oder hebt sie völlig auf. Der Täter tötet dann, etwa weil er sich verfolgt fühlt – was jedoch eine krankhafte Einbildung ist.

ZEIT ONLINE: Trifft das auch auf den Islamisten zu, der sich in einem Terrorcamp beibringen lässt, wie man tötet? Sind solche Menschen auch psychisch krank?

Rettenberger: Für solche Camps werden gezielt psychisch labile Menschen angesprochen. Das ist aber etwas anderes als eine psychische Störung oder Krankheit. Zum Töten bereit sind Menschen aber auch im Kriegseinsatz, wenn sie etwa als Soldaten oder Milizionäre Teil einer Befehlskette sind. Im individuellen Alltag liegt diesen Menschen das Töten völlig fern. Doch Menschen sind auf das Töten trainierbar.

Martin Rettenberger ist Chef der Kriminologischen Zentralstelle (KrimZ) Wiesbaden, der zentralen Forschungs- und Dokumentationseinrichtung des Bundes und der Länder für kriminologisch-forensische Forschungsfragen. © webmelone.net

ZEIT ONLINE: Ähnlich wie manche islamistische Attentäter hat auch der psychisch kranke Täter von Münster ein Auto als Waffe benutzt. Gibt es hier eine Art Nachahmereffekt?

Rettenberger: Dass Täter Taten nachahmen, ist in der Tat Teil der wissenschaftlichen Diskussion. Bestimmte Delikte haben zeitweise Konjunktur, das war bei Amokläufen an Schulen beispielsweise zu beobachten. Die Forschung ist da noch sehr am Anfang. Aber aus Vernehmungen von Tatverdächtigen wissen wir, dass sie sich zuvor mit ähnlichen Taten beschäftigt hatten. Den Tätern erscheint bei ihrem kriminellen Handeln die Aussicht attraktiv, kurzzeitig Ruhm zu erlangen und eine Botschaft zu senden. Zu diesem konkreten Fall muss man aber sagen: Autos als Waffe zu benutzen, auf diese Idee kamen vor den jüngsten islamistisch motivierten Attentätern auch schon andere Täter.

ZEIT ONLINE: Was könnte die Botschaft des Tatverdächtigen von Münster gewesen sein?

Rettenberger: Nach dem, was wir wissen, hat er eine Reihe sozialer Kränkungen zu ertragen gehabt, hatte soziale Kontakte verloren. Es liegt nahe, dass er den Schaden, den ihm die Gesellschaft vermeintlich zugefügt hat, an die Gesellschaft zurückgeben wollte. Kurz gesagt: Die Tat von Münster war ein Akt der Rache.

 ZEIT ONLINE: Kann das Umfeld eines Täters etwas tun, um die Gefahr einer Gewalttat zu mildern? Muss man schon Verdacht schöpfen, wenn jemand impulsiv ist und Drogen nimmt?

Rettenberger: Einfacher ist es bei bereits kriminell auffälligen Menschen, deren Neigung also bekannt ist. Bei bisher unauffälligen Menschen ist das schwerer. Plötzliche Impulsivität, verbale Aggressivität, Andeutungen von Suizid – all das kann auf eine schwierige Lebenssituation hindeuten und Gewaltneigung erhöhen. Als Mitmensch kann man probieren, den Betroffenen zu überzeugen, den Rat einer Beratungsstelle oder eines Arztes in Anspruch zu nehmen. Solange das soziale Band noch nicht zerschnitten ist, kann man das versuchen.

Doch es gibt Dinge, die können wir nicht bis ins Letzte kontrollieren, es gibt Taten, die wir nicht vorhersehen und abwenden können. Aber wir müssen uns dadurch nicht in unserem Leben beeinträchtigen lassen.