Als Hermann Borchert an das kleine Holzpult tritt, das die Justizwachtmeister dem Anwalt auf die Anklagebank gestellt haben, platzt ein Knoten im NSU-Prozess. Zweieinhalb Monate lang hatte das Terrorverfahren vor dem Münchner Oberlandesgericht Schleifen gedreht, mit ungewissem Ausgang: ein Befangenheitsantrag, Forderungen nach neuen Zeugen, wieder Befangenheitsanträge.

Zuletzt hatte der neue Wahlverteidiger des Mitangeklagten André E. versucht, den Prozess mit Anträgen im Namen seines Mandanten auszubremsen. Am Vormittag war auf seine Forderung hin sogar ein Zeuge geladen worden – ohne greifbares Ergebnis.

Das Urteil rückt näher

Borchert hält nun als erster Verteidiger im Prozess ein Plädoyer. Dass seine Kollegen mit juristischen Scharmützeln dazwischengehen, ist ein Stück unwahrscheinlicher geworden. Es ist der Beginn der letzten Etappe vor dem Urteil.

Beate Zschäpe ist angeklagt als Mittäterin bei allen Taten der Terrorgruppe NSU. Doch die Mittäterschaft "lässt sich weder aus den Tätigkeiten noch aus den Untätigkeiten meiner Mandantin ableiten", liest Borchert aus einem sehr dicken gelben Aktenordner vor. Die Auslegung der Beweise durch die Bundesanwaltschaft, die im Prozess die Anklage vertritt, sei "mangelhaft" und einzig und allein auf eine Verurteilung ausgerichtet.

Eine Klatsche, die es zu belegen gilt. Im Raum stehen harte Vorwürfe: Bundesanwalt Herbert Diemer hatte im September, also vor mehr als einem halben Jahr, eine lebenslange Freiheitsstrafe mit Feststellung der besonderen Schwere der Schuld für Zschäpe gefordert, außerdem beantragte er eine Sicherungsverwahrung.

Der Anwalt verteidigt auch seine Strategie

Es war der Ruf nach der maximal möglichen Strafe, zu verhängen für die Mitschuld an den Verbrechen des NSU: den Morden an neun Einwanderern und einer deutschen Polizistin, zwei Bombenanschlägen in Köln mit mehr als 20 Verletzten und 15 Raubüberfällen. Hinzu kommt die Brandstiftung in der Zwickauer Wohnung der Terrorgruppe, nachdem sich Zschäpes Komplizen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt am 4. November 2011 selbst getötet hatten.

Zugegeben hat Zschäpe nur, das Feuer gelegt zu haben. Dass sie sich überhaupt äußerte, ist Borcherts Werk. Er stieß erst im Sommer 2015, mehr als zwei Jahre nach Prozessbeginn, als Wahlverteidiger in das Verfahren, nachdem sich Zschäpe mit ihren Altanwälten Wolfgang Heer, Wolfgang Stahl und Anja Sturm zerstritten hatte. Diese halten einen eigenen Schlussvortrag. Zusammen mit Borchert entschied Zschäpe, nach eisernem Schweigen eine Aussage zu machen – maßgeschneidert für die Anklagepunkte.

Borcherts Plädoyer ist nicht nur eine Verteidigungsrede für seine Mandantin, sondern auch für seine Prozessstrategie, ersonnen "mit 33 Jahren Berufserfahrung". Nachträglich scheint er beweisen zu wollen, dass sich Zschäpe bei ihrer von ihm verlesenen Aussage im Dezember 2015 keinen Bärendienst erwiesen habe. So echauffiert er sich, die Bundesanwaltschaft gehe in ihrem eigenen Plädoyer nicht genug auf Zschäpes Angaben ein. "Ich habe sie gewarnt, niemand werde ihren Ausführungen Glauben schenken", sagt er.

Bewusst missverstanden?

Alles garniert Borchert mit drastischen Vokabeln: "Unsinn", "Ratespiel", "Fake News". Er zitiert auch den früheren ZEIT-ONLINE-Kolumnisten Thomas Fischer: "Nichts als dummes Zeug."

Den Anklägern wirft er vor, Zschäpe bewusst unfair zu ihren Ungunsten darzustellen. So etwa die "Charakterstärke", die sie nach Ansicht der Bundesanwaltschaft im Prozess bewies, als sie eigenmächtig ihre Altverteidiger loszuwerden versuchte. Daraus, so Borchert, lasse sich jedoch nicht auf Zschäpes Verhalten während der Zeit mit Mundlos und Böhnhardt im Untergrund schließen.

Aus Sicht der Anklage war Beate Zschäpe für ihre mordenden Mitbewohner nicht nur das Hausmütterchen, das daheim die Suppe aufsetzte, zur Stärkung nach einer anstrengenden Tötungstour. Stattdessen verwaltete sie das Geld, hielt vor den Nachbarn die Fassade einer harmlosen Erwachsenen-WG aufrecht, verschickte auch die DVD mit dem Bekennervideo der Gruppe. Für Borchert sind diese Feststellungen entweder falsch oder unbedeutend.

Wann gilt "Im Zweifel für den Angeklagten"?

Den Stellen, an denen er die Schlussfolgerungen der Bundesanwaltschaft für abstrus hält, stellt er eine noch absurdere Variante gegenüber. Zum Beispiel dem Argument der Anklage, dass Zschäpe im Jahr 2004 sechs Wochen nach dem Bombenanschlag in Köln mit Mundlos und Böhnhardt in den Urlaub fuhr, obwohl sie die Tat angeblich strikt abgelehnt hatte. Da doziert Borchert, Urlaub sei ja gerade dafür da, "um Spannungen abzubauen".

Regelrecht atemlos hangelt er sich in seinem Vortrag von Indiz zu Indiz. An jedem einzelnen äußert er Zweifel. Das nötigt anderen Verfahrensbeteiligten durchaus Respekt ab. "Er plädiert besser als erwartet", sagt etwa der Nebenklageanwalt Eberhard Reinecke. Entscheidend sei aber gerade nicht, einzelne Punkte mit Zweifeln zu unterhöhlen, sondern das Gesamtbild – auf dieses nämlich beziehe sich der Grundsatz "Im Zweifel für den Angeklagten".

Schließlich sieht sich Borchert nicht einigen ultimativen Beweisen gegenüber, sondern einer sorgsam ausgearbeiteten Indizienkette. Am Mittwoch geht das Plädoyer weiter, dann spricht auch Borcherts Kanzleikollege Mathias Grasel. Ob sie genug Zweifel für Zschäpe streuen können, ist ungewiss.