ZEIT ONLINE: Wie wird man eigentlich ein Antisemitismusforscher?

Samuel Salzborn: Ich bin über eine ganze Reihe von Umwegen zu diesem Thema gekommen. Musste es sogar, weil es Rechtsextremismus- und Antisemitismusforschung institutionalisiert in unserem Land erschreckenderweise fast gar nicht gibt. In meinem Fach, also der Politikwissenschaft, gibt es keine Professuren dafür.

ZEIT ONLINE: Keine einzige?

Salzborn: Keine einzige. Das Interesse ist in den vergangenen 20 Jahren sogar immer geringer geworden, obwohl sich die hiesige Politikwissenschaft nach dem Krieg gerade in der Auseinandersetzung mit diesen Themen einmal als eine politische Bildungswissenschaft begründet hat. Und auch, obwohl es bei den Studierenden ein sehr großes Interesse gibt. Seit ich an der Uni tätig bin, also seit mittlerweile über 15 Jahren, haben junge Leute diese Themen immer sehr stark umgetrieben.

ZEIT ONLINE: Wie lässt sich diese Entwicklung erklären?

Salzborn: Schwer zu sagen. Ich glaube, weil viele Kollegen nicht mehr anecken, sondern möglichst unauffällig und geradezu aseptisch Forschung betreiben möchten. Weil sie das Risiko scheuen, öffentlich intervenieren zu müssen.

ZEIT ONLINE: Man befasst sich in der Politikwissenschaft also mit Politik, will aber selbst nicht mehr politisch sein?

Salzborn: Genau. Die Politikwissenschaft ist unglaublich erfolgreich, aber sowohl Rechtsextremismus- als auch Antisemitismusforschung bedeuten eben keine neutrale Forschung; ein Wissenschaftler kann sich hierbei nicht auf eine scheinbare Neutralität zurückziehen. Das ist vielen Kollegen unangenehm, sie haben Angst vor öffentlichen Kontroversen und Auseinandersetzungen. Man diskutiert lieber im kleinen Kreis mit Fachkollegen.

ZEIT ONLINE: Ist dabei etwas verloren gegangen?

Der Politikwissenschaftler Samuel Salzborn, geboren 1977 in Hannover, war bis 2017 Professor für Sozialwissenschaften an der Universität Göttingen. Derzeit hat er eine Gastprofessur für Antisemitismusforschung an der TU Berlin inne. Im Herbst erscheint sein neues Buch: "Globaler Antisemitismus. Eine Spurensuche in den Abgründen der Moderne" © privat

Salzborn: Unbedingt. Das erleben wir doch im Moment fast täglich in der Auseinandersetzung mit der AfD. Da gibt es viel zu wenig fachliche Kompetenz, da sind Leerstellen entstanden, die die Wissenschaft nicht mehr füllen kann. Soziologen und Politikwissenschaftler stellen eigentlich ein wissenschaftliches Instrumentarium und eine ideengeschichtliche Kompetenz zur Verfügung, damit die Öffentlichkeit politische Äußerungen und Forderungen einordnen kann. Wenn wir uns breit mit dem Aufstieg und auch den politischen, vor allem rhetorischen Strategien von rechten Bewegungen auseinandergesetzt hätten, also wenn wir stärker wüssten, wie es vor allem dort gelingt, Demokratie mit den Mitteln der Demokratie zu zerstören, könnte man das heute anwenden und würde auf viele, vor allem plumpe Angriffe nicht mehr hereinfallen, sondern sie einordnen und ihnen widersprechen können. Die Rechte agiert in wiederkehrenden Mustern, sie will nicht über Fakten diskutieren, sondern den Diskurs verschieben. Das ist das Ziel. Aber unsere Demokratie ist eine wehrhafte Demokratie. Das Grundgesetz gibt vor, was verhandelbar ist und was nicht, was strafrechtlich verfolgt werden müsste. Politikwissenschaftler sollten die Gesellschaft auf solche Phänomene hinweisen, aber ihre Elfenbeinturmisierung hat diese Möglichkeit verschenkt und hinterlässt nun ein intellektuelles Vakuum.

ZEIT ONLINE: Also noch einmal, wie wird man denn nun ein Antisemitismusforscher?

Salzborn: Als Jugendlicher in den Neunzigerjahren haben mich die Brand- und Mordanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte in Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen und Mölln erschüttert. Hinzu kam, dass ich in der Schule schnell merkte, dass es trotz der Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus nie um Antisemitismus ging. Über Nationalsozialismus wurde nur äußerlich gesprochen; wie stark die Gesellschaft tatsächlich involviert war, spielte keine Rolle. Antisemitismus war darin eine Art Nichtort der Erinnerung, an den sich niemand begeben wollte, obwohl er das eigentliche Zentrum darstellte.

ZEIT ONLINE: Das Zentrum wovon?

Salzborn:Theodor W. Adorno hat das einmal mit dem Aufsatztitel Schuld und Abwehr formuliert: Es gab faktisch in der deutschen Nachkriegsgesellschaft ein großes Wissen über die tiefe Involviertheit in Schuld und Verantwortung. In den verschiedensten Facetten: Man hat die NS-Verbrechen stillschweigend hingenommen, über antisemitische Witze gelacht, aus der Arisierung profitiert oder war sogar an physischer Gewalt, Ermordung und Vernichtung beteiligt. All das wurde aber von den unmittelbar Betroffenen abgewehrt und zudem nicht in die eigenen Familiengeschichten aufgenommen. Später setzte dann die folgende auseinanderklaffende Entwicklung ein: Einerseits gab es immer mehr und auch sehr weitreichende historische Erkenntnisse, aber im Fortschreiten der Generationen, also bei Kindern und Enkelkindern, ist all das auf immer größer werdende Abwehr gestoßen. Immer weniger wurden die historischen Fakten mit dem eigenen Leben zusammengebracht.

ZEIT ONLINE: Aber was Sie an der Schule erlebt haben, galt doch bis vor einigen Jahren für die gesamte deutsche Öffentlichkeit. Antisemitismus war hierzulande kaum ein Thema. Wann hat sich das geändert?

Salzborn: Nein, das würde ich nicht sagen. In den Achtzigerjahren fanden solche Auseinandersetzungen, beispielsweise um das Theaterstück Der Müll, die Stadt und der Tod von Rainer Werner Fassbinder, statt. Mitte der Neunzigerjahre diskutierte man über Daniel Goldhagens Buch Hitlers willige Vollstrecker oder über die Wehrmachtsausstellung und den Vernichtungskrieg der Wehrmachtssoldaten in Osteuropa. In jüngerer Zeit gab es dann Walser 1 und Walser 2, wie ich das gern bezeichne. Der Schriftsteller Martin Walser hat ja nicht nur im Jahr 1998 die Rede in der Paulskirche gehalten, sondern vier Jahre später den Roman Tod eines Kritikers veröffentlicht, der in seiner antisemitischen Drastik noch viel ausbuchstabierter, deutlicher und verletzender war als die Rede. In der Paulskirche hat er übrigens etwas ganz Ähnliches gesagt, was Björn Höcke mittlerweile auch formuliert, wobei Höcke dafür zu Recht scharf kritisiert wurde, während die Reaktionen auf Walsers Rede damals eher ambivalent waren. In der Politik gab es die Fälle Möllemann in der FDP und Hohmann in der CDU.

ZEIT ONLINE: Wie wurden denn diese Debatten geführt?

Salzborn: Da gilt es immer, zu unterscheiden: Wird wirklich über Antisemitismus oder über einen angeblichen Antisemitismusvorwurf diskutiert? Letzteres macht die Kritik zum Problem und ist eine typische öffentliche Abwehrstrategie, mit der man schnell auf der Metaebene anlangt und nicht mehr den Kern des Problems thematisiert. In solchen Debatten ist dann nicht mehr Antisemitismus das Problem, sondern die Kritik daran, was fatal ist. Nehmen wir das Beispiel der Debatte um Jakob Augstein, der für seine Kolumnen zu Recht in die Kritik geraten ist. Statt aber intensiv über Antisemitismus in diesen Kolumnen zu diskutieren, kam es zu ellenlangen Debatten über die Frage, wie angemessen die Art und Weise war, in der das Simon-Wiesenthal-Zentrum auf Augstein hingewiesen hatte. Und ebenso schnell, wie das Thema entstanden war, ist es dann auch wieder verschwunden – und vergessen.

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