In die Ermittlungen gegen die Mörder der maltesischen Journalistin Daphne Caruana Galizia kommt Bewegung. Ende April hat die Familie der Reporterin über einen Bevollmächtigten zwei Laptops und drei Festplatten an das deutsche Bundeskriminalamt (BKA) gegeben. Das ergaben Recherchen des Daphne-Projekts, einem Zusammenschluss von internationalen Medien, die es sich zum Ziel gesetzt haben, die Hintergründe des Mordes auszuleuchten, und dem auch die ZEIT angehört. Auf den Rechnern und Festplatten befinden sich die gesammelten Recherchen und Briefwechsel von Caruana Galizia, die im Oktober des vergangenen Jahres durch eine Autobombe getötet worden war.

Die Daten gelten als brisant, weil sie Hinweise auf Informanten enthalten, aber womöglich auch Auskunft über die Motive der bislang unbekannten Hintermänner des Mordes geben sowie noch unveröffentlichte Recherchen beinhalten. Caruana Galizias Ehemann und ihre Söhne hatten sich bislang geweigert, die Computer an die maltesischen Behörden zu übergeben, aus Angst, dass die maltesische Polizei Beweismittel verschwinden lässt oder in den Daten nach Zuträgern der Journalistin sucht. Die Familie wirft der Polizei vor, die Ermittlungen aus politischen Motiven nicht mit allem Nachdruck zu betreiben. Maltas Polizei gilt als anfällig für Korruption und Einflussnahme.

Genährt wurde der Verdacht der Familie unter anderem durch einen Zwischenfall bei der Festnahme der drei mutmaßlichen Bombenleger, die für die Durchführung des Attentates auf die Journalistin verantwortlich sein sollen. Als eine Spezialeinheit der maltesischen Polizei im Dezember des vergangenen Jahres zugriff, hatten die Verdächtigen die Beamten offenbar bereits erwartet und mit Filzstift Telefonnummern auf ihre Unterarme gemalt. Die mutmaßlichen Attentäter, die aus dem kriminellen Milieu stammen, seien "an diesem Tag wohl gewarnt worden", hatte einer der Ermittlungsführer später eingeräumt.

Die Weigerung der Familie, die Computer der Polizei zu übergeben, hatte auf Malta zu Spekulationen geführt. Vertraute des Premierministers Joseph Muscat stellten öffentlich infrage, ob die Familie "den Fall überhaupt ernsthaft aufklären" wolle. "Solange nicht jedes Beweismittel übergeben ist und der oder die Laptops auftauchen, kann die Familie nicht ernst genommen werden", kritisierte etwa der sozialdemokratische Parlamentsabgeordnete Glenn Bedingfield, ein Jugendfreund Muscats. Unbekannte hatten zudem Transparente an Autobahnbrücken mit der Aufschrift aufgehängt: "Warum versteckt jemand Daphne Caruana Galizias Laptop?"

Mord an maltesischer Journalistin - Auf den Spuren der Mörder von Daphne Caruana Galizia Ein internationales Reporterteam hat rekonstruiert, woran die maltesische Journalistin Caruana Galizia arbeitete. Holger Stark, Leiter Investigativ DIE ZEIT, im Video © Foto: AFP-TV

"Übergabe von Daten als Sicherungskopien"

Der Umweg über die deutschen Behörden, den die Familie nun gewählt hat, soll sicherstellen, dass keine Informationen verschwinden. Die Wiesbadener Staatsanwaltschaft habe den zuständigen maltesischen Ermittlungsrichter "in Kenntnis gesetzt und darüber informiert, dass gegebenenfalls im Rahmen eines Rechtshilfeersuchens, welches von den maltesischen Behörden zu stellen wäre, eine Übergabe von Daten zumindest durch Sicherungskopien in Betracht kommt", so der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Oliver Kuhn.

Bislang liegt allerdings nur ein Rechtshilfeersuchen der Malteser von Anfang Februar vor, mit dem das BKA um Amtshilfe zu den Panama Papers gebeten wird. Dabei geht es um den Verdacht der Geldwäsche und Korruption, nicht aber um die Mordermittlungen. Generell verfolgen BKA und Wiesbadener Staatsanwaltschaft allerdings die Linie, die Ermittlungen nach Kräften zu unterstützen; ein eigenes Ermittlungsverfahren führen die Wiesbadener Fahnder derzeit nicht. Sollte die maltesische Justiz darum bitten, die Laptopdaten für die Mordermittlungen nutzen zu dürfen, würden die Deutschen dem wohl stattgeben. "Eine Kritik, sich in Maltas Angelegenheiten einzumischen, wurde noch nicht an die Staatsanwaltschaft herangetragen und dürfte auch aufgrund verpflichtender rechtlicher Vorgaben zur Tätigkeit im Rahmen der Rechtshilfe zurückzuweisen sein", sagt Staatsanwalt Kuhn. Die Familie wollte sich gegenüber dem Daphne-Projekt nicht äußern.