Als Afet und Peter Blaczyk durch das Bremer Einkaufszentrum Waterfront laufen, sind ihre linke und seine rechte Hand fest ineinander verschlungen. In einem Café bestellen sie Pfefferminztee und Milchkaffee. Das Ehepaar sitzt sich gegenüber, sie tippen auf ihren Smartphones, ab und zu schauen sie sich lächelnd an. "Am Anfang unserer Beziehung waren solche Momente in der Öffentlichkeit tabu", sagt Afet. "Ich hatte zu viel Angst, dass mein Vater mich mit Peter sieht. Oder noch schlimmer: Dass jemand uns sieht und es ihm dann erzählt. Das hätte seine Ehre noch mehr gekränkt."

Im Dezember 2015 wurden die beiden ein Paar. Für Afet stimmte alles an Peter: Er hatte gerade als Soldat zwei Auslandseinsätze hinter sich, sie verstanden sich gut und waren schon vier Jahre befreundet, als er ihr seine Liebe gestand. Ein Problem aber ließ sich nicht kleinreden, erzählt Afet: "Freundschaft mit einem Deutschen? Ja. Liebe? Nein! In unserer türkischen Familie war das immer klar geregelt."

Afet Blaczyk ist 28 Jahre alt und Leiterin eines Pflegedienstes. Ihre Mutter ist Bankkauffrau, ihr Vater Speditionskaufmann. Sie seien nicht besonders konservativ, sagt sie, weder sie noch ihre Mutter tragen Kopftuch. Aber was ihre Familie schätzt, sind Traditionen – und traditionell heiraten Türkinnen nun mal Türken.

Nur die engsten Freunde wissen Bescheid

Afet und Peter halten ihre Liebe geheim. Das erste gemeinsame Jahr trafen sie sich immer in Hamburg bei Peter, nie in Bremen, wo Afet und ihre Familie wohnten. Und selbst in Hamburg, 130 Kilomter entfernt von ihrer Familie, traute Afet sich nicht, mit ihrem Freund Hand in Hand an der Elbe entlang zu laufen. "Wenn wir mal auf meiner Couch lagen und Afets Telefon klingelte, mussten wir den Fernseher schnell leise stellen, damit niemand Verdacht schöpft", erinnert sich Peter Blaczyk (30). Eingeweiht waren nur die engsten Freunde – und Afets Mutter. "Ich war nach dem Jahr an meiner absoluten Grenze", sagt Peter. "Länger hätte ich die Beziehung so nicht fortführen können."

Im September 2016 flog das Paar auf – durch Afets Mutter. Sie rief an, als die beiden, natürlich heimlich, auf dem Weg zum Oktoberfest waren. Afet, sagte sie, ich habe deinem Vater gerade gesagt, dass du einen deutschen Freund hast. Vom Oktoberfest hatte Afet danach nicht mehr viel. "Ich hatte Herzrasen! Ich musste die ganze Zeit an meinen Vater denken."

Afet Blaczyk kommt aus einer modernen türkischen Familie, wie es sie tausendfach in Deutschland gibt. Noch nie hatte die Bundesrepublik so viele Ärzte, Polizisten und Juristen, deren Eltern einst als Gastarbeiter aus den ärmsten Regionen der Türkei gekommen waren. Doch wenn sie sich in einen Deutschen oder eine Deutsche verlieben, müssen sie sich rechtfertigen. Fast 60 Jahre nach dem Anwerbeabkommen mit der Türkei ist ein deutscher Freund der Tochter oder eine deutsche Freundin des Sohnes oft tabu. Bei religiösen Familien sowieso, aber auch bei säkularen.