Kazim Erdoğan kann erklären, warum das so ist. Er öffnet die Tür des Vereinsraumes von Aufbruch Neukölln in Berlin und serviert routiniert türkischen Tee. Der 64-jährige Psychologe und Soziologe hat sich einen Namen als Experte für die Integration von türkeistämmigen Zuwanderern gemacht. Aufbruch Neukölln ist eine Selbsthilfegruppe für türkeistämmige Männer, 2012 hat Erdoğan für seine Arbeit den Bundesverdienstorden bekommen.

Was steht der deutsch-türkischen Liebe im Weg? Das "teuflische Dreieck", sagt Erdoğan. "Religion, Tradition und Nationalismus: Je stärker diese Eigenschaften in Familien ausgeprägt sind, umso mehr werden Partner für die eigenen Kinder auf ihre Herkunft reduziert." Die Hürde für eine deutsch-türkische Liebesbeziehung sei dann so hoch, dass türkeistämmige Männer und Frauen solche Beziehungen von vornherein ausschlössen. "Wenn Väter zu mir kommen und erzählen, dass ihre Kinder einen deutschen Partner haben, scheint das für viele eine Art Weltuntergang zu sein", sagt er. "Ich erzähle ihnen dann, dass nicht die Herkunft, sondern der Mensch eine Rolle spielt."

Für Männer sei es noch etwas einfacher, die Familie von einer deutschen Frau zu überzeugen. Für Töchter sei das umgekehrt schwieriger. Zahlen des Bundesamts für Statistik zeigen, dass im Jahr 2016 mehr als 5.000 deutsche Frauen einen Mann mit türkischer Staatsangehörigkeit heirateten – so viele wie aus keinem anderen Land in Europa. Weniger Eheschließungen gab es im selben Jahr zwischen deutschen Männern und Frauen mit türkischer Staatsbürgerschaft, nämlich 3.189.

Diese Ungleichheit erklärt Erdoğan so: "Es wird geglaubt, ein Mann könne die Beziehung stärker lenken und dafür sorgen, die türkische Identität zu wahren. Wenn es um eine Frau geht, ist die Angst größer, dass die türkische Kultur in der Ehe durch den deutschen Mann auf Dauer verloren geht." Das sage auch viel über die Stellung der Frau in der türkischen Gesellschaft aus.

Niemals eine deutsche Freundin

Religion, Tradition und Nationalismus – im Leben von Emre Bulut spielten diese drei Dinge schon immer eine große Rolle. Der IT-Berater ist seit vielen Jahren Single. Seine Familie ist religiös. Die Schwestern tragen Kopftuch. Moscheebesuche an Festtagen sind für Bulut normal. Und der Joint in seiner rechten Hand? "Eine sehr alte und schlechte Schwäche", sagt er.

Bulut sitzt auf seiner Couch in Berlin-Moabit, auf dem riesigen Plasmafernseher läuft ein Fußballspiel von Galatasaray Istanbul. Nebenan im Flur säubert ein Staubsauger-Roboter den laminierten Flur. Die zwei grünen Pflanzen, links und rechts vom Fernseher, hat sich Bulut erst vor wenigen Tagen gekauft: "Das Grüne tut gut. Und um ganz ehrlich zu sein, damit fühlt man sich nicht so einsam", sagt der 37-Jährige.

Ich hätte Angst, dass sich bei einer deutschen Frau Widerstände aufbauen würden, mit denen ich ein Problem habe.
Emre Bulut

"Ich habe deutsche Frauen nicht anders behandelt als türkische. Aber es ist schon gut möglich, dass mir meine Einstellung im Weg stand. Vielleicht hätte sich sonst die eine oder andere Chance ergeben", sagt er. Für den Deutschtürken war immer klar, dass er seinen Eltern niemals eine deutsche Freundin vorstellen würde. "Die Generation meiner Eltern hat überhaupt keine Verbindung zur deutschen Gesellschaft", sagt er und zieht wieder am Joint. Viele Türken glaubten außerdem tief im Inneren, dass die Deutschen ohnehin keine Türken mögen.

Bulut war in seiner Jugend in einem Moscheeverein und hatte Koranunterricht. Er sei zwar eingedeutscht, sagt er, aber Religion und die türkische Identität seien unverzichtbar für ihn. Eine Frau für ihn müsse zumindest türkische und islamische Feiertage akzeptieren. Gerade, weil er in Deutschland lebe und ohnehin aufpassen müsse, dass die Kultur seiner Eltern nicht ganz verloren gehe. "Ich hätte Angst, dass sich bei einer deutschen Frau Widerstände aufbauen würden, mit denen ich ein Problem habe."