Der Einsatz mit mehreren Hundert Polizisten in der Flüchtlingsunterkunft Ellwangen (Baden-Württemberg) hatte vergangene Woche heftige Diskussionen ausgelöst. Nun haben sich einige Bewohner der Unterkunft an die Öffentlichkeit gewandt, um ihre Version der Vorfälle zu erzählen.

Es hatte eine Abschiebung werden sollen, daraus war laut Bundesinnenminister ein "Schlag ins Gesicht der rechtstreuen Bevölkerung" geworden: Ein Togoer sollte von der Polizei abgeholt werden – die stand dort aber einer aufgebrachten Männergruppe gegenüber. Die Beamten sahen sich gezwungen, den Mann, den sie schon in Handschellen zum Polizeiwagen gebracht hatten, wieder freizulassen. Ein Streifenwagen sei durch Faustschläge beschädigt worden. Erst zwei Tage später gelang es mit einem Großaufgebot, den Togoer und einige Unterstützer festzunehmen. Dabei sollte auch Hinweisen nachgegangen werden, dass die Bewohner sich mit Waffen auf ähnliche Einsätze vorbereiten würden. So weit die Version der Polizei.

Dass es sich möglicherweise nicht exakt so abgespielt hat, legten bereits Recherchen der tageszeitung nahe. Die Polizei räumte auf deren Nachfrage hin ein, dass nicht drei, sondern nur ein Beamter bei dem Großeinsatz verletzt wurde, und das ohne Fremdeinwirkung – also nicht durch Gewalt der Bewohner.

In einer Pressemitteilung zeichnen nun die Bewohner der Unterkunft ein anderes als das bisher bekannte Bild. Demnach war ihr Protest gegen die Abschiebung des Togoers spontan entstanden, außerdem seien sie nicht gewalttätig gewesen. Die Pressemitteilung wurde über den Flüchtlingsrat Ellwangen veröffentlicht. "Unser Protest war bestimmt, aber zu jedem Zeitpunkt friedlich", schreiben sie. Vorwürfe, jemand sei gegen die Polizei mit Gewalt vorgegangen, seien falsch und hätten sich auch nicht bestätigt.

Außerdem habe der Togoer nicht bereits im Polizeiwagen gesessen. "Der Togoer stand entfernt neben uns in Handschellen", schreiben die Bewohner. Die Polizei habe die Landeserstaufnahmeeinrichtung schließlich ohne den Mann verlassen und den Schlüssel für seine Handschellen einem Sicherheitsmitarbeiter der Einrichtung gegeben. "Der Togoer war, nachdem die Polizei sich entfernt hatte, noch etwa eineinhalb Stunden in Handschellen, bis die Security ihm die Handschellen abnahm", heißt es in dem Bericht.

Die Polizei sagt dazu: "Der Mann befand sich in polizeilichem Gewahrsam und wurde daraus entfernt", das sei entscheidend, sagte Bernhard Kohn, Sprecher der Polizeidirektion Aalen, ZEIT ONLINE. Ansonsten werde die Polizei die laufenden Ermittlungen nicht kommentieren. Jede Seite habe natürlich das Recht, ihre Version der Geschehnisse darzustellen.   

"Niemand durfte sich anziehen"

"Die Leute haben Angst", sagt einer der Bewohner ZEIT ONLINE am Telefon. "Wir haben nach dem Polizeieinsatz das Gefühl, es ist nicht mehr sicher hier." Bei dem Großeinsatz in der Nacht zum vergangenen Donnerstag habe die Polizei die Zimmertüren eingetreten, obwohl sie nicht abschließbar seien. Dass Türen beschädigt sind, wird von Journalisten bestätigt, die gemeinsam mit dem Heimleiter am Dienstag das Gelände besichtigen konnten.

Viele Bewohner seien bei dem Großeinsatz verletzt worden, sagt der Bewohner am Telefon. In ihrem Statement schreiben die Bewohner über den Einsatz: "Wir waren alle im Bett. Die Polizei leuchtete mit Taschenlampen. Niemand durfte sich anziehen. Alle mussten die Hände in die Höhe halten und wurden gefesselt. Die Zimmer wurden durchsucht. Viele wurden bei der Polizeiaktion verletzt. Wer Fragen stellte, musste mit Gewalt rechnen."

Demonstration vor der Unterkunft

Laut Polizei wurden elf Bewohner während des Einsatzes verletzt, "wovon zwei aus Fenstern im ersten Obergeschoss beziehungsweise dem Erdgeschoss sprangen". Sämtliche Widerstandshandlungen seien "gebrochen" worden. "Alle Widerstandsleistenden wurden vorläufig festgenommen."

An diesem Mittwochabend geben die Bewohner vor dem Heim in Ellwangen eine Pressekonferenz und rufen zu einer anschließenden Demonstration auf. "Wer auch immer diesen Polizeieinsatz zu verantworten hat, er war politisch motiviert und inszeniert", schreiben sie. "Die bundesweite Berichterstattung und Diskussionen über eine nächtliche spontane, friedliche und politische Aktion zeigt, wie stark dieses Land mit fremdenfeindlichen Ressentiments aufgeladen ist."