Der bisherige Finanzchef des Vatikans muss sich wegen Missbrauchsvorwürfen einem Prozess stellen. George Pell wird sich in Australien vor Gericht verantworten, entschied die Richterin Belinda Wallington am Dienstag in Melbourne.

Pell soll sich vor Jahrzehnten sexueller Misshandlungen schuldig gemacht haben. Details zu den mutmaßlichen Vergehen wurden bislang nicht öffentlich. Es soll aber mehrere Kläger geben. Es gebe nun genügend Beweise gegen den Topberater von Papst Franziskus, um ein Verfahren zu rechtfertigen, sagte die Richterin. Der 76-jährige Geistliche weist die Vorwürfe zurück und plädierte vor Gericht auf "nicht schuldig".

Der Kurienkardinal ist die inoffizielle Nummer drei in der Hierarchie des Vatikans. Der ehemalige Erzbischof von Sydney und Melbourne war 2014 von Papst Franziskus zum Finanzchef des Kirchenstaates ernannt worden. Der Papst hat ihn vom Dienst freigestellt, damit er sich in seinem Heimatland den Vorwürfen stellen kann.

"Vielversprechender Schritt nach vorne"

Nun muss sich der Kurienkardinal in mehreren Anklagepunkten verantworten. Einige der schwerwiegendsten Vorwürfe wurden angesichts von Widersprüchen in der Beweislage fallen gelassen, darunter ein mutmaßliches Vergehen in einem Kino in Ballarat im australischen Bundesstaat Victoria in den Siebzigerjahren. Am Mittwoch soll es eine weitere Anhörung geben, bei der es auch um ein Datum für den Prozessbeginn gehen soll.

Die Anwältin Lisa Flynn, die in Australien bereits Hunderte Missbrauchsopfer vertreten hat, sagte am Dienstag, die Gerichtsentscheidung zeige, dass niemand über dem Gesetz stehe. "Das ist ein vielversprechender Schritt nach vorne für die Opfer sexueller Übergriffe", sagte sie.

Die katholische Kirche wird bereits seit Jahren weltweit durch zahlreiche Missbrauchsfälle erschüttert. In Australien soll eine im Jahr 2012 nach jahrelangem Druck eingesetzte Kommission den Vorwürfen von weitverbreitetem Missbrauch in Kirchen, Waisenhäusern, Schulen und Jugendeinrichtungen auf den Grund gehen. Dafür befragte sie bislang Tausende Missbrauchsopfer. Vor der Kommission hatte Pell in der Vergangenheit persönliche Fehler im Umgang mit Vorwürfen gegen katholische Priester in den Siebzigerjahren eingeräumt.