Dieser Text gehört zu unserer Reportageserie "Überland". Neun Lokalreporter berichten für ZEIT ONLINE aus ihrer Region. Die Serie ist Teil unseres Ressorts #D18, in dem wir Deutschland Deutschland erklären wollen.

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An einem Freitagnachmittag rast der Pfarrer Andreas Lorenz in einem grauen VW Touran zu einem der letzten Gottesdienste in Kalbe an der Milde. Kalbe an der Milde ist ein kleiner Ort mit 7.000 Einwohnern, er liegt im Kreis Salzwedel in Sachsen-Anhalt. Lorenz ist spät dran, auf einer Landstraße überholt er einen Lastwagen. Als eine Ratte über die Fahrbahn wetzt, kann er nicht mehr bremsen. Er versucht es zwar, aber er zerfetzt das Tier mit dem linken Hinterreifen. Es fliegt durch die Luft und bleibt auf der Fahrbahn liegen.

Drei Minuten zu spät erreicht der Priester die St.-Petrus-Kirche. Die neun Gottesdienstbesucher rutschen schon etwas nervös auf den Kirchenbänken hin und her. Die Sonne bescheint sie durch bunte Glasfenster. Lorenz bindet seinen schwarzen Hund Rieke an einer Bank vor der Kirche fest. Er ist jetzt plötzlich entspannt. "Ohne mich fangen die nicht an", sagt er und kichert. Immerhin: So viel Macht hat er dann doch noch.

In Messgewand und Trekkingschuhen

Er läuft in die Sakristei, wo er sich das leinerne Messgewand mit den roten Glitzerstreifen und einem goldenen Kreuz auf dem Rücken übers Hemd streift. Die Trekkingschuhe lässt er an. "Unsere Hilfe ist im Namen des Herrn", sagt er, während er zum Altar schreitet. Unter dem hölzernen Christus am Kreuz hält er seinen Gottesdienst. Er predigt frei darüber, warum Jesus niemanden zwingt, ihn anzubeten.

"Gelobt sei Jesus Christus", der Gottesdienst ist zu Ende. Einer der letzten in der Stadt. Denn demnächst will das Bistum Magdeburg die Kirche verkaufen. Die Zahl der Besucher der Kirche ist in den vergangenen Jahren stark gesunken, außerdem fehlt es an Menschen wie Lorenz, die sich um die Kirche kümmern. "Es ist eben so, wie es ist", sagt der Pfarrer. Er hat sich schon lange darauf eingestellt, dass Einschnitte kommen werden. Zusammenlegungen, Schließungen, Streichungen, Rationalisierungen.

500 Kirchen in fünf Jahren geschlossen

Immer weniger deutsche Männer wollen Priester werden, immer weniger deutsche Menschen sind katholisch. 2016 waren es noch 23,6 Millionen, fast fünf Millionen weniger als 1990. Innerhalb der vergangenen fünf Jahre hat die Katholische Kirche mehr als 500 ihrer Kirchen in Deutschland geschlossen. Die Kirchenkrise in Deutschland ist auch eine Krise des Glaubens. Viele Menschen haben nicht nur den Eindruck, keinen Gott mehr zu brauchen. Sie wissen nicht einmal, dass es ihn geben könnte, diesen Gott, von dem Leute wie Lorenz reden. In Sachsen-Anhalt sieht es besonders düster aus für die Katholische Kirche. Katholiken sind hier in der absoluten Minderheit. Im Bistum Magdeburg, zu dem die Pfarreien Gardelegen und Salzwedel gehören, werden sich die Probleme innerhalb der kommenden Jahre verschärfen. Von den 63 Priestern im aktiven Dienst sind nach Angaben einer Bistumssprecherin 51 älter als 50 Jahre. 

Das bekommt auch Pfarrer Andreas Lorenz zu spüren. Seit zwölf Jahren ist er Pfarrer in Gardelegen, zuletzt war er für 1445 Katholiken zuständig. Kürzlich ist der Pfarrer in der benachbarten Pfarrei Salzwedel nach einer Erkrankung früher als geplant in Pension gegangen. Einen Nachfolger gibt es nicht. Nun hat Lorenz die Pfarrei mit ihren knapp 900 Katholiken zusätzlich übernommen. Er ist nun für 2300 Gläubige und sieben Kirchen zuständig, in einem Gebiet, das 2300 Quadratkilometer groß ist und damit nur wenig kleiner als das Saarland.

"Ich bin da Pragmatiker"

"Das ist Mist, aber es geht noch", sagt Lorenz. Die Entfernungen sind groß. Vom Pfarrhaus, in dem der 57-Jährige wohnt, zur St.-Lorenz-Kirche in Salzwedel sind es 43 Kilometer. "Aber wer ist schon Pfarrer in einer Kirche, die so heißt wie er selbst?", fragt Lorenz.

Er versucht mit einem Lachen zu nehmen, was anderen das Lachen vergehen lässt. Er hat es kommen sehen. Er hat nicht protestiert, als er gefragt wurde, ob er es sich zutrauen würde, die zweite Pfarrstelle mit zu übernehmen. "Ich bin da Pragmatiker", sagt Lorenz. "Einsicht über die Notwendigkeit" – so nennt er es. Was soll er sich quer stellen, wenn es ja doch keine andere Lösung geben wird?