Dieter Kunzelmann, linksradikaler Aktivist und Mitbegründer der anarchistischen Kommune 1, ist tot. Er sei im Alter von 78 Jahren in Berlin gestorben, sagte sein früherer Anwalt Hans-Christian Ströbele. Zuvor hatten die Berliner Zeitung und der Berliner Kurier über den Tod berichtet.

Zusammen mit Fritz Teufel und Rainer Langhans gehörte Kunzelmann zu den Spaßaktivisten der 68er-Bewegung. Mit seinen Happenings galt er als einer der wichtigen Provokateure der Studentenbewegung.

Kunzelmann wurde am 14. Juli 1939 in Bamberg geboren. 1959 gründete er in München den deutschen Ableger einer Situationistischen Internationalen, eine Art Widerstandszelle im Kulturbetrieb.

Im Sommer 1966 entschied Kunzelmann bei einem Treffen im oberbayerischen Kochel gemeinsam mit Rudi Dutschke und Bernd Rabehl, dass sie ihren Aktivismus auf Berlin konzentrieren wollten. In der Kommune 1 wurde dann das Ende der bürgerlichen Kleinfamilie proklamiert. "Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment", lautete der berühmte Spruch. Aus der Kommune heraus wurden politische Aktionen organisiert.

Kunzelmann gehörte auch zu den Gründern der Terrorgruppe Tupamaros West-Berlin, die mehrere Attentate mit Brandbomben in der Stadt verübte. Mehrfach äußerte Kunzelmann Sympathien für den Kampf der Palästinenser gegen Israel. Am Jahrestag der Pogromnacht vom 9. November 1938 legte die Gruppe 1969 eine Bombe vor das Jüdische Gemeindezentrum in West-Berlin. Wegen eines Fehlers explodierte der Sprengkörper nicht. Die Schäden wären verheerend gewesen.

1971 wurde Kunzelmann zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, vier Jahre später kam er frei und wurde Spitzenkandidat der maoistischen KPD in Berlin-Reinickendorf. Anfang der 1980er Jahre war Kunzelmann Mitglied der Fraktion der Alternativen Liste, dem Vorläufer der Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus, wo er immer wieder mit Protestaktionen auffiel. Auch engagierte er sich in der Berliner Hausbesetzerszene.

Kunzelmann inszenierte einmal seinen Tod

1993 bewarf Kunzelmann den Dienstwagen des damaligen Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Eberhard Diepgen, mit einem Ei. Als der Fall vor einem Gericht verhandelt wurde, zerdrückte Kunzelmann ein weiteres Ei auf dem Kopf Diepgens. Kunzelmann sollte eine Haftstrafe antreten, floh aber und inszenierte durch eine Zeitungsanzeige seinen Tod.  Erst 1999, zu seinem 60. Geburtstag, trat er wieder in Erscheinung – und auch seine Hafstrafe an.

Die Fahrt zum Gefängnis verwandelte er ebenfalls in ein Happening: Nach der Feier zum 60. Geburtstag im Szenetreff Mehringhof in Kreuzberg fuhr er mit der U-Bahn zum Gefängnis nach Tegel. Er klopfte an das Tor und sagte: "Ich will hier rein." Dann öffnete sich die Tür. Kunzelmann trat ein.