Hunderttausende Menschen haben den Maifeiertag in vielen Ländern zu Demonstrationen und Protesten genutzt. In Moskau nahmen rund 130.000 Menschen bei der traditionellen Mai-Parade der Gewerkschaften teil. Mit Slogans wie "Für eine gerechtere Sozialpolitik" und "Kümmert euch um die Senioren!" zogen die Menschen mit dem Moskauer Bürgermeister Sergej Sobjanin an der Spitze durch die Innenstadt bis zum Roten Platz. Nach Angaben der Gewerkschaft nahmen in ganz Russland rund drei Millionen Menschen an den Paraden teil. Mehr als 4.000 Aktionen dieser Art waren im ganzen Land angesetzt.

"Ich werde alles dafür tun, damit die einfachen Moskauer besser leben werden und die Stadt blühen wird", sagte Sobjanin der Agentur Interfax zufolge. Er versprach, die Sozialleistungen für Kriegsveteranen und Rentner zu fördern und in Bildungs- und Gesundheitswesen zu investieren. Im Herbst will sich der kremltreue Politiker für eine weitere Amtszeit wählen lassen. Die Inflation sowie Gehaltskürzungen und Entlassungen treffen viele Russen hart. 

Mehr als 50 Festnahmen in Istanbul

Im Zentrum der türkischen Metropole Istanbul waren Maikundgebungen wie in den vergangenen Jahren weitgehend untersagt. Der zentrale Taksim-Platz war vollständig gesperrt, ebenso wie die berühmte Istiklal-Einkaufsstraße. Geschäfte blieben geschlossen. Nur im asiatischen Stadtteil Maltepe weit außerhalb des Stadtzentrums waren hatten die Behörden Kundgebungen genehmigt. Dort versammelten sich Tausende Menschen.   

Mehr als 26.000 Polizisten in waren laut der Nachrichtenagentur Anadolu in der Stadt im Einsatz, unterstützt von Hubschraubern, dutzenden Wasserwerfern und gepanzerten Fahrzeugen. Als Demonstranten versuchten, auf den Taksim-Platz vorzudringen, schritt die Polizei mit großer Härte ein. Die Einsatzkräfte nahmen laut der Nachrichtenagentur DHA mehr als 50 Menschen fest. 56 davon seien in Gewahrsam genommen worden.

Auch in anderen türkischen Städten wie der Hauptstadt Ankara, der Küstenstadt Izmir und der südosttürkischen Kurdenmetropole Diyarbakir gab es Kundgebungen anlässlich des Tags der Arbeit. Demonstranten kritisierten auf Plakaten unter anderem die hohe Arbeitslosigkeit, Repressionen gegen Journalisten und den seit mehr als anderthalb Jahren andauernden Ausnahmezustand.

Im Zentrum Istanbuls sind Maikundgebungen seit 2014 als Reaktion des Staates auf die regierungskritischen Gezi-Proteste verboten. Im vergangenen Jahr wurden in der Stadt am 1. Mai 160 Menschen vorübergehend festgenommen. Unter dem nach dem Putschversuch im Juli 2016 verhängten Ausnahmezustand ist das Demonstrationsrecht eingeschränkt. Der Ausnahmezustand war vor zwei Wochen zum siebenten Mal verlängert worden.  

Ausschreitungen in Paris

In Frankreich richteten sich die traditionellen Mai-Demonstrationen in diesem Jahr auch gegen die Reformpolitik von Präsident Emmanuel Macron. Bei der Kundgebung der linken CGT und weiterer Gewerkschaften in der Hauptstadt Paris protestierten Menschen unter anderem gegen die "Infragestellung sozialer Errungenschaften". In Frankreich gab es in den vergangenen Wochen eine Reihe von Streiks und Protesten gegen Macrons Reformpläne, beispielsweise den Umbau der Staatsbahn SNCF. Allerdings traten die großen Gewerkschaftsbünde am Tag der Arbeit erneut nicht geeint auf.

Überschattet wurden die Proteste von schweren Ausschreitungen schwarz gekleideter Vermummter. Nach Angaben der Polizei sammelten sich auf der geplanten Demonstrationsroute mindestens 1.200 Personen, die dem schwarzen Block zugerechnet werden. Aus ihren Reihen flogen Steine und andere Wurfgeschosse auf Polizisten. Randalierer verwüsteten ein Schnell-Restaurant im Südosten der französischen Hauptstadt und beschädigten ein Auto-Geschäft sowie eine Baumaschine. Dabei wurden nach Polizeiangaben auch Brandsätze eingesetzt. Ein Beamter und drei weitere Menschen wurden leicht verletzt. Die Polizei setzte Wasserwerfer und nach Angaben des Senders BFMTV auch Tränengas ein. Premierminister Édouard Philippe verurteilte die Gewalttaten.

Laut Polizeipräfekt Michel Delpuech hatte sich unabhängig von der Gewerkschaftsdemo ein Demonstrationszug der ultra-linken Szene aus rund 14.500 Personen formiert, in dem sich auch die Randalierer befanden. 200 Personen aus dem schwarzen Block wurden festgenommen. Die Polizei hatte im Vorfeld gewarnt, dass Aktivisten "extremistischer Bewegungen" die traditionelle Kundgebung für Attacken auf Einsatzkräfte und Symbole des Kapitalismus nutzen wollten. Die Gewerkschafter wichen wegen der Ausschreitungen auf eine andere Demonstrationsroute aus.

Aus der Opposition kam nach den Vorfällen Kritik: Der Parteichef der konservativen Republikaner, Laurent Wauquiez, sprach von einem Scheitern des Staates. "Schreckliche Bilder heute für unser Land", twitterte er. Die Regierung entgegnete, die Polizei sei schnell eingeschritten. 

Kuba feiert mit Castro und neuem Staatschef

In Kuba feierten Hunderttausende den Internationalen Tag der Arbeit mit einem Marsch durch Havanna. Unter dem Motto "Einheit, Verpflichtung und Sieg" zogen die Menschen drei Stunden lang durch die kubanische Hauptstadt. "Das ist eine Demonstration der soliden Basis unserer glorreichen Revolution und des großen Rückhalts der Arbeiter und des Volkes für die Erneuerung unserer wirtschaftlichen und sozialen Systems", sagte der Vorsitzende der staatlichen Gewerkschaft CTC, Ulises Guilarte. Der Tag der Arbeit ist einer der wichtigsten Feiertage auf der sozialistischen Karibikinsel.

An der Kundgebung auf dem Platz der Revolution nahmen auch Ex-Präsident Raúl Castro und der neue Staatschef Miguel Díaz-Canel teil. Es war der erste gemeinsame Auftritt der beiden Männer seit der historischen Machtübergabe vor zwei Wochen. Während der Revolutionsführer Fidel Castro am Tag der Arbeit noch selbst stundenlange Reden gehalten hatte, überließ sein Bruder Raúl den Gewerkschafsführern das Wort.

Böller bei Demo in Berlin-Kreuzberg

In Deutschland haben an den bundesweit 500 Veranstaltungen zum 1. Mai nach Angaben des Deutschen Gewerkschaftsbunds rund 340.000 Menschen teilgenommen – und damit 20.000 weniger als im Vorjahr, als die Bundestagswahl bevorstand. Bei den Kundgebungen forderte der DGB Tarifverträge für möglichst alle Arbeitnehmer. Nur mit Tarifverträgen lasse sich verhindern, dass einzelne nicht-tarifgebundene Unternehmen "mit Dumpinglöhnen Schmutzkonkurrenz betreiben", sagte der DGB-Vorsitzende Reiner Hoffmann bei der Hauptkundgebung in Nürnberg, an der etwa 6.500 Menschen teilnahmen. Den Absichtserklärungen in der Koalitionsvereinbarung müssten nun Taten folgen. In mehreren ostdeutschen Städten verbanden Gewerkschaften die Kundgebungen zum Mai-Feiertag mit Protesten gegen Auftritte rechtsextremer oder rechtspopulistischer Gruppen.

In Berlin verliefen die Mai-Feierlichkeiten weitgehend friedlich. Obwohl bekannte Kreuzberger Straßenfeste wie das "Myfest" und das "MaiGörli" bereits am frühen Nachmittag "sehr gut besucht" gewesen seien, habe es keinen Anlass für Sperrungen oder Auflösungsaktionen gegeben, teilte die Berliner Polizei mit.

Am Abend begann eine Demonstration linker und linkextremer Gruppen. Laut Polizei versammelten sich am Oranienplatz rund 1.500 Teilnehmer. Es wurden Böller und bengalische Feuer gezündet. Über dem Platz kreiste ein Hubschrauber. Transparente mit Aufschriften wie "Befreiung & Solidarität International" waren zu sehen. Zu Beginn des Zuges liefen schwarz gekleidete und zum Teil vermummte Demonstranten.

Wie im Vorjahr war die sogenannte revolutionäre 1. Mai-Demonstration nicht angemeldet worden. Die Polizei war mit einem Großaufgebot von etwa 5.300 Beamten im Einsatz. Von der abendlichen Demonstration war in den Vorjahren immer wieder Gewalt ausgegangen. Sie hatte aber zuletzt abgenommen.