Am Kaffeestand auf einer Veranstaltung der europäischen Rechtsextremen. Der junge Mann im weißen Hemd lächelt. "Madame, Sie zuerst. Zuerst die Französinnen, dann die Franzosen." – "Ich bin Deutsche." Der Mann zuckt die Schultern. Beim Kaffee ließe er auch einer deutschen Frau den Vortritt, aber nur ausnahmsweise. "Hier ist nun mal Frankreich." Solche Gespräche führt, wer auf dem Fest der Nationen in der Schlange steht. Ausgerufen hatte das Fest in der südfranzösischen Hafenstadt Nizza die Fraktion der rechtsextremen Parteien im Straßburger Parlament MENL. Sie umfasst heute 36 Abgeordnete.

Und eigentlich war es auch kein Fest, sondern vielmehr ein Redenmarathon der rechtsextremen Parteispitzen aus Straßburg. Bis die anfingen, tanzte ein paar Meter vom Kaffeestand entfernt eine Folkloregruppe mit Spitzenhäubchen und lavendelfarbenen Trachten einen provenzalischen Ringelreigen. Poster von den Altstädten in Stockholm und Amsterdam sollen auf europäische Traditionen einstimmen. Und im Hauptsaal singen derweil französische Nationalisten eine Marseillaise nach der anderen. Sie schwingen ihre belgischen, polnischen, französischen und österreichischen Flaggen.

Prominenteste Rednerin des Nachmittags war Gastgeberin Marine Le Pen, Chefin des französischen Front National. Sie will "Europa aus dem Europaparlament heraus" verändern. Le Pen schaffte es vor einem Jahr bis in die Stichwahl der französischen Präsidentschaftswahlen, hat aber seitdem in Frankreich keine große Aufmerksamkeit mehr gefunden. Vielleicht hatte sie auch deshalb zur Unterstützung ihre europäischen Kollegen am 1. Mai eingeladen. Denn traditionell marschiert der Front National zum Tag der Arbeit durch die französische Hauptstadt. Dieses Mal aber wählte Le Pens Partei nicht die Straßen von Paris, sondern die grauen Messehallen von Nizza. Schließlich leben hier ihre euphorischsten Anhänger, bei Wahlen erringt sie hier häufig 40 Prozent.

Ein Thema eint alle rechtsextremen Parteien

Wie feiern nun Nationalisten zusammen, die alle ihr eigenes Land über alles stellen wollen, ob am Kaffeestand oder auf der Abgeordnetenbank? Indem jeder sein eigenes Europa lobt. Der Grieche Failos Kranidiotis beispielsweise sieht zwei wichtige Säulen für Europa: das antike Griechenland und das Christentum. Der Bulgare Veselin Mareshki möchte im Straßburger Parlament vertreten sein, weil die EU in seinem Heimatland Atomkraftwerke abschalten ließ. Der Tscheche Tomio Okamura warnt vor den "Zentralisten" in Brüssel, die "genauso wie die Nazis" eine einheitliche Macht über Europa ausübten und das kulturelle Erbe seiner Vorfahren zerstören wollten. Einige Redner loben US-Präsident Donald Trump, andere sehen in ihm einen Gegner ihrer nationalen Interessen.

Eigentlich gibt es nur ein Thema, das alle rechtsextremen Parteien eint: die Wut auf Flüchtlinge. Bei jeder Warnung vor Migrantinnen und Migranten flammt tosender Applaus auf. Schließlich prallen an der französisch-italienischen Grenze bei Nizza immer wieder Flüchtlingshelfer und Rechtsextreme aufeinander. Erst vor wenigen Tagen spannten Anhänger der Identitären Bewegung einen orangefarbenen Plastikzaun über einen verschneiten Alpenpass auf, um Flüchtlinge daran zu hindern, nach Frankreich einzuwandern. Auch im kargen Kongresssaal stimmten die mehrheitlich männlichen Zuschauer das Motto aller Nationalisten an: "On est chez nous", was in etwa dem Slogan "Deutschland den Deutschen" entspricht. Der Pole Michał Marusik brachte es auf die Formel: "Flüchtlinge müssen unsere Gesetze akzeptieren – dazu gehört auch die Sauberkeit." Marusik beendete seine Rede mit einem "Gott segne die Gerechten".

Der schlimmste Feind ist die EU

Die Bewegung für ein Europa der Nationen und der Freiheiten MENL gründete sich nach der vergangenen Europawahl im Jahr 2014 und umfasst rechtsextreme Parteien von acht EU-Ländern. Kurioserweise ist aus Deutschland nicht die AfD vertreten, sondern die abgespaltene Blaue Partei von Frauke Petry. Ein Bild von ihr prangte sogar auf der Einladung zum Fest – tatsächlich anwesend war sie aber nicht. Einzig ihr Ehemann Marcus Pretzell wurde noch auf dem AfD-Ticket ins Europaparlament gewählt und sitzt nun als "Blauer" in der rechtsextremen Fraktion. Wohl aus Rücksicht auf die Kluft zwischen der im Bundestag vertretenen AfD und dem Mitglied der Blauen in der MENL trat kein deutscher Rechter in Nizza auf.

Schlimmster Feind der MENL ist ihren Reden nach ohnehin die Europäische Union. Gerolf Annemans, Fraktionschef der MENL, gab den Ton an: Die Europäische Union, so der belgische Nationalist von Vlaams Belang, bestehe aus fanatischen Föderalisten. "Die Unterschiede zwischen den europäischen Völkern sind enorm und sollen es auch bleiben." 

So ist das Treffen unter Palmen auch der Auftakt für den Kampf um Plätze im Europaparlament. In einem Jahr wird es neu gewählt und aller Voraussicht nach wird die rechtsextreme Fraktion Plätze dazu gewinnen. Ob dann die polnischen, französischen und griechischen Nationalisten allerdings mit einer Stimme sprechen, ist fraglich. In Nizza fehlten die bekanntesten Köpfe – der Holländer Geert Wilders wurde angeblich kurzfristig wegen eines laufenden Prozesses aufgehalten, Matteo Salvini von der italienischen Lega Nord schickte nur eine Videobotschaft.

Als Le Pen und der Saal zum Abschluss die französische Nationalhymne singen, schauen ihre Kollegen nur stumm in die Kamera.