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Dieser Text ist Teil unserer neuen Serie "Heimatmysterium". Hier suchen wir nach dem, was Menschen in Deutschland verbindet – Religion, Beruf, Hobby, Herkunft oder Lebenssituation. Dem, was deutsche Heimaten ausmacht.

Die U-Bahn steht noch nicht, da öffnet Wallner schon die Tür, steigt in den Waggon, bleibt stehen, beobachtet, wie die Türen wieder schließen, der Zug aber verharrt, und sagt: "Das dauert mir alles viel zu lange hier."

Wallner kann sich keine Verspätung erlauben, Essen gibt es nur noch bis 14 Uhr. Da sind sie streng in der Suppenküche an der Bergheimer Straße. Bis dahin sind es noch sieben Stopps mit der U3, dann über den Westkorso und dann sieht man sie schon, die Marienkirche, in deren Pfarrheim es Essen gibt für 50 Cent und Kaffee umsonst. Dort wird Wallner Marco und Gerwin treffen, sie werden gemeinsam essen, sich über dies und das unterhalten, vielleicht noch eine Zigarette rauchen, und dann werden Marco und Gerwin zurück in ihre Wohnungen gehen. Wallner wird weiterziehen. So wie jeden Tag.

Wallner, der in Wirklichkeit nicht Wallner heißt, ist 52, ein Mann mit wachen Augen und der Figur eines Langstreckenläufers, bei dem nur der Sonnenbrand im Nacken und der Staub um die Knöchel darauf hinweisen, dass er fast die ganze Zeit draußen ist. Er "macht Platte", so wie 50.000 weitere Menschen in Deutschland. Seit 2014 lebt er in Berlin. Seitdem fängt er jeden Tag wieder bei null an. Seitdem kommt er nicht zur Ruhe. Weil er es nicht will, weil er es nicht kann.

Wallners Tag beginnt, wenn in der Schule gegenüber große Pause ist. Der Lärm tobender Grundschüler schwappt dann zur Kirche, vor deren Osteingang er sich, noch im Schlafsack eingerollt, einen Zigarillo anzündet. Um vier Stufen erhöht, Platz genug, um ausgestreckt zu liegen. Wären nicht Vorhänge an der Innenseite der bodenlangen Fenster angebracht, man könnte in die Kirche schauen.

Unterwegs

Morgenroutine: Wallner trinkt einen Kaffee. Dann zieht er los: zu seinem Versteck, zur Suppenküche, zum Sammeln, zum Späti. © Meiko Herrmann für ZEIT ONLINE

"Eigentlich eine ganz edle Wohnlage", sagt Wallner und atmet Zigarillorauch in die Vormittagsluft. Dann steht er auf, rollt seinen Schlafsack und seine Isomatten zusammen, und verstaut alles in der Adidas-Tasche, die über Nacht noch sein Kissen war. Er steigt die Stufen hinab, ohne sich noch einmal umzusehen. Ab jetzt ist er unterwegs.

Als erstes muss er Ballast abwerfen. Die Tasche muss weg. Deswegen wartet Wallner auf den Bus, mit dem er zu seinem Versteck fahren wird. "In zwei Minuten kommt der Bus", sagt Wallner, ohne auf die Uhr an seinem Handgelenk geschaut zu haben. Zwei Minuten später kommt der Bus.

Die Uhr hat Wallner vor einigen Jahren gekauft, in der Business Class auf einem Flug von Mailand nach Wien. "Meine Vergangenheit habe ich auf einer anderen Festplatte gespeichert", sagt er. Wenn er auf sie zugreift, erzählt er von einer Welt, in der er nicht auf den Bus wartet, sondern auf ein Wassertaxi in Venedig, um auf die nächste Vernissage zu kommen.

Er war unkonventionell, ungestüm, unberechenbar

Wallner, so sagt er es, war Vermittler in der Kunstbranche, angestellt bei einer Privatsammlung in einer schillernden, großen Stadt Europas. Sein Job: neue Künstler entdecken, deren Werke Profite versprachen. Er arbeitete für Menschen, die Kunstwerke als Investments begriffen. Die mit Kunst Geld verdienen wollten. Damit das funktionierte, musste die Show stimmen. Dafür war Wallner zuständig. Er war unkonventionell, ungestüm, unberechenbar. Und erfolgreich. Er erzählt von einem Geschäftsessen mit einem kolumbianischen Kunstsammler, Wallner stellte sich mit seinen Schuhen auf den gedeckten Tisch, nur damit der seine roten Socken sehen konnte. Ein paar Gläser zerbrachen, der Kolumbianer lachte und kaufte. Wallner erhielt seine Provision.

Unter der Woche war er unterwegs. Das MOMA in New York, die Reina Sofía in Madrid, das Tate Modern in London, die Eremitage in St. Petersburg. Die Wochenenden verbrachte er in seiner Stadt. Hier war er zur Schule gegangen, hier hatte er studiert. Was er danach gemacht hat, will Wallner nicht so recht erzählen. Seine Erzählung setzt erst wieder ein, als er schon aufgestiegen war, vom Mitarbeiter eines Rechenzentrums zu dem Mann, in dessen Lieblingsbar ein echter Renoir hing. Zu dem Mann, der ab und zu mit einem Russen soff, der seinen Whisky nicht mit Eiswürfeln, sondern mit Diamanten kühlte. Wallners Berichte sind äußerst detailliert, und viele dieser Details lassen sich nachprüfen.