Sind Ostdeutsche im Grunde auch Migranten? Mit dieser These hat die Migrationsforscherin Naika Foroutan viele Menschen im Osten abgeholt. Sie fühlen sich, wie Jana Hensel exemplarisch auf ZEIT ONLINE schilderte, endlich verstanden: Die Kränkung, die Stigmatisierung, die Marginalisierung – kurzum, das ostdeutsche Leid der Nachwende – wird so greifbarer und erklärbarer. "Gänsehaut" (Hensel) in Zeiten, in denen "die Ostdeutschen" undifferenziert als Problemfall identifiziert worden sind. 

Allein: Die These trägt nicht – und ist sogar gefährlich. Mag sein, dass Ostdeutsche ihre Heimat verloren haben. Dass sie sich auch bald 30 Jahre nach der Wiedervereinigung fremd und unverstanden fühlen. Trotzdem ist es falsch, diesen Anpassungsschmerz mit den Erfahrungen von Migranten gleichzusetzen: Mit Menschen, denen nicht nur das politische System, sondern – wenn auch mitunter selbst gewählt – praktisch alles abhandenkam, das sie kannten. Und die teilweise auch Jahrzehnte nach ihrer Ankunft noch immer nicht richtig angekommen sind.

Der feuilletonistische Charme der These wäre aber nicht mal verloren, wenn sie nur an solchen methodischen Problemen kranken würde. Hinzu kommt allerdings, dass die Annahme einen entscheidenden Vorteil der Ostdeutschen übersieht: dass sie sich bei Bedarf jederzeit unsichtbar machen können. Wenn ich – Sohn einer Westberlinerin und eines Iraners – als Jugendlicher Anfang der 2000er Jahre mit dem Regionalzug von Berlin an die Ostsee fahren wollte, war Rassismus für mich und jeden Freund und jede Freundin mit "Migrationsblabla" in der Gruppe automatisch ein Thema. "Wen trifft man zwischen Oranienburg und Stralsund?", lautete die besorgte Frage, die Eltern und auch wir selbst uns stellten. Wie praktisch wäre es in solchen Momenten gewesen, wenn man einfach den sächsischen Dialekt hätte unterdrücken können, um als "ganz normaler" Reisender durchzugehen.

Hinzu kommt: Anfeindungen gegen das Aussehen schmerzen potenziell stärker als die Überheblichkeit, die vermeintliche Gewinner der Geschichte vermeintlichen Verlierern entgegenbringen. "Scheiß Kanake, geh nach Hause" ist verletzender als ein "Lern doch mal Demokratie" oder "Toll, dass ihr jetzt auch in einem Rechtsstaat lebt, oder?!". Das klingt oberflächlich, hat aber einen wichtigen Kern: Wer diese Ebenen gleichzumachen versucht, verharmlost echten Rassismus.

Wie schnell das gehen kann, zeigen die Reaktionen auf Foroutans These, die zumindest andeuten, Rassismus könne mit eigenen Stigmatisierungserfahrungen erklärt werden. "Könnte die Ostdeutschenfeindlichkeit von damals die Radikalisierung mancher Ossis befeuert haben?", fragte etwa Ferda Ataman. Und Jana Hensel schreibt mit Blick auf Pogrome wie in Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda: "Man darf diese Gewalt nicht entschuldigen, man muss diese Gewalt immer bekämpfen. Aber darf man auch einmal fragen: Haben sie vielleicht sogar versucht, den Spieß rumzudrehen?" Als ob die – im Übrigen nicht exklusiv ostdeutschen – Exzesse von 1991 und 1992, also direkt nach der Wiedervereinigung, vom Wendeschmerz ausgelöst worden wären.

Auch eine Generationenfrage

Um es ganz klar zu sagen: Ja, es gibt eine strukturelle Benachteiligung der Menschen im Osten. Das Gefühl vieler älterer Ostdeutscher ist nicht eingebildet, es ist empirisch sogar gut belegt. Und es ist naheliegend, dass die politische Situation zum Teil damit erklärt werden kann.

Allerdings macht auch diese Klage über die Auswirkungen der Geschichte letztlich unzulässig gleich: Jüngere Jahrgänge aus Ostdeutschland empfinden die Folgen der Wende weniger stark. Meine ostdeutschen Freunde sind im heutigen Deutschland angekommen. Sie beschäftigen sich mehr mit der Zukunft und weniger mit der Vergangenheit. Vielleicht sollte dies das role model sein: Es ist an der Zeit, aktuelle Probleme nicht mehr exklusiv mit dem zu erklären, was früher war.