Eigentlich hatten meine Schwester und ich vereinbart, dass ich mich in meiner Rede am Grab unseres Vaters an die Fakten halte. Während meine Schwester über ihn sprechen wollte, wie er war, wie sie ihn erlebt hatte, sollte ich den Gästen und wahrscheinlich auch mir selbst eine Art übersichtlichen Lebenslauf präsentieren. Meine Schwester kannte unseren Vater sehr gut, für mich war er viele Jahre nicht mehr als ein entfernter Verwandter gewesen. In den Jahren nach dem Mauerfall hatten sich unsere Wege getrennt. Es waren schließlich turbulente Jahre gewesen, nicht nur für uns. Nichts blieb, wie es war, auch wir nicht. Und so oft ich über diese Zeit schrieb, so sehr ich jene Nachwendejahre noch heute zu verstehen versuche, von ihm habe ich nie wirklich oder wenn, dann nur in Andeutungen, erzählt. Unsere Geschichte erschien mir irgendwie zu kompliziert. Aber war sie das wirklich?

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Als mich in den vergangenen Wochen nun immer wieder Beileidsbekundungen erreichten, von Freunden, von Verwandten, von Bekannten, lösten diese freundlichen Worte in mir nichts anderes als eine Überraschung aus. Oder vielmehr einen leichten Schreck. Sie meinten doch nicht mich, sie mussten jemand anderem gelten. Einer Tochter, die ich nicht gewesen bin. Seiner Tochter, meines Vaters Tochter. Er ist im Alter von 68 Jahren gestorben. 

Nach seinem Tod, der sich ganz plötzlich und ohne größere Anzeichen ereignet hatte, habe ich, gemeinsam mit meiner Schwester, seine persönlichen Unterlagen aus seiner Wohnung geholt. Ich habe die beiden Kisten von Leipzig nach Berlin gefahren und erst einmal in mein Arbeitszimmer gestellt. Ein paar Tage, nein, Wochen bin ich um sie herumgeschlichen, aus Angst und natürlich auch aus Unsicherheit, was sich darin wohl finden würde. Nie zuvor war ich in einer Wohnung meines Vaters gewesen, er war nie in einer von mir, und so musste ich mich erst einmal an die schlichte Tatsache gewöhnen, nun ausgerechnet erst nach seinem Tod, durch seinen Tod, Dinge und Sachen und Unterlagen von ihm bei mir zu haben. Eine Vase zum Beispiel, von der meine Mutter sich zu erinnern glaubt, dass sie bereits bei seinen Eltern gestanden hatte. In einer kleinen Stadt im Harz wuchs mein Vater auf.

Ich musste mich aber auch an die Tatsache selbst gewöhnen, zum ersten Mal in einer Wohnung meines Vaters gewesen zu sein und so war ich in jenen Tagen gedanklich damit beschäftigt, mir ihn, den nun Toten, als einen Lebenden in seiner Wohnung vorzustellen. In ebenjener Wohnung, die ich doch nur als die Wohnung eines Toten kannte. Und die vollgestellt war mit allen möglichen alten Sachen. Mein Vater liebte alte Dinge, er sammelte alles, konnte nichts wegwerfen. Vasen, Gläser, Uhren, Geschirr, Bilder, Bücher, Landkarten, Postkarten, Kinderspielzeug. Kein Trödel, sondern Dinge, die von alten Zeiten erzählten. Ich versuchte ihn mir beim Frühstück vorzustellen oder beim Zeitunglesen. Mein Vater war auch ein fanatischer Zeitungsleser gewesen, er gab viel Geld, von dem wenigen, was er zum Schluss noch hatte, für Zeitungen aus. Er erklärte gern anderen die Welt, völlig egal, ob die sich dafür interessierten oder nicht. Aber ich schaffte es nicht, ich bekam es nicht in einem Bild zusammen.

Ordnen, so gut es geht

Am Ostersonntag dann, an jenem kalten und regnerischen Ostersonntag, an dem es nur wenige Grad wärmer war als an jenem Tag, an dem er, in einem guten Anzug gekleidet und auf seine Freundin wartend, gestorben war, setzte ich mich an den Küchentisch, zündete mir eine Zigarette an, obwohl ich sonst nie in der Küche rauchte, und begann ganz vorsichtig, die Koffer, Kisten und Ordner zu öffnen und jene Papiere, die ich in einer ziemlichen Unordnung in verschiedenen Schränken aufgefunden hatte, vor mir auf den Tisch zu legen und zu ordnen, so gut es eben ging. 

Ich fand die FDGB-Mitgliedsbücher seiner Mutter, meiner Oma, seines Vaters, meines Opas, und seiner Schwester, meiner Tante. Mein Vater wurde im Sommer des Jahres 1949 geboren, meine Tante beinahe auf den Tag genau zwei Jahre später. Ich fand ein Heft mit der Satzung des FDGB, alte Impfausweise, Bezugsberechtigungskarten über Kartoffeln von 1963, eine Rechnung über drei Sessel mit dem Namen "Elli" der PGH Polstergestelle über 623,13 Mark aus dem Jahr 1965, den Antrag meines Vaters auf einen Führerschein von 1967, den Garantieschein meiner Großmutter für eine elektrische Waschmaschine aus demselben Jahr, seine Aufforderung zur Musterung von 1968, einen Konsumbeleg über einen Pelzmantel für 698 Mark, für den meine Großeltern, laut diesem Beleg, 400 Mark angezahlt hatten, und ich fand unzählige Einzahlungsbelege der Sparkasse. Es waren stets kleine Beträge, kaum mehr als 100 Mark, aber dennoch müssen sie alle Belege aufgehoben haben, und mein Vater hatte sie nach ihrem Tod offenbar wie selbstverständlich an sich genommen. Woran erinnerten sie ihn?

© privat

Nun lagen sie bei mir auf dem Küchentisch und erzählten die Geschichte einer Nachkriegsfamilie in der DDR, die ich in diesen Details nicht gekannt hatte. Eine Familie, die langsam, aber spürbar zu einer Art Wohlstand gelangte und der dieser Wohlstand so wichtig war, dass sie die Belege dieses Wohlstands sorgfältig und sicher nicht nur der bloßen Ordnung halber aufbewahrte. Lässt sich an einer Quittung für eine elektrische Waschmaschine ein Leben erzählen?

Aber ich fand auch wichtige Unterlagen. Hinter Glas gerahmt zum Beispiel die Suchanzeige meiner Urgroßmutter, die sie, selbst schon in Westdeutschland, im Juni 1946 bei der Ortspolizeibehörde Braunschweig abgegeben hatte und in der sie sich nach dem Verbleib ihrer Tochter, meiner Oma, erkundigte: "Hiermit frage ich höflich an, ob Sie mir über den Aufenthalt meiner Tochter Auskunft geben können", schrieb sie damals. Im Januar 1945 hatte die Familie ihre in Pommern liegende Heimatstadt verlassen, und auf dieser Flucht müssen sich ihre Wege getrennt haben. Nur wenige Tage später erhielt meine Uroma Antwort, dieses Schreiben ist ebenfalls hinter Glas gerahmt. Meine Oma befand sich demnach in einem kleinen Ort in der Magdeburger Börde und hatte sich also über ein Jahr nicht bei ihren Eltern gemeldet. Weil sie nicht konnte, weil sie nicht wollte? Ich weiß es nicht. 

Und ich fand auch den letzten Brief meiner Oma aus dem Krankenhaus, in dem sie meinen Vater bat, sich doch einmal bei ihr zu melden. So wie man das damals, also im Jahr 1992, machte, als in Ostdeutschland noch nicht alle Telefon hatten. Es war ein kurzer, aber freundlicher Brief, der mit den Zeilen endete: "Nun möchte ich schließen, lasst mal von euch hören." Und ich fand auch das Telegramm meines Opas, das er nur fünf Tage später abgeschickt hatte: "mutter eingeschlafen sofort kommen vater". Der Brief meiner Oma war offenbar zu lange unterwegs gewesen.