In einem Land, das hitzig über Messerattacken, gefährliche Orte und eine angebliche Verrohung der Gesellschaft diskutiert, sind Fakten über Straftaten viel wert. Stimmt die gefühlte Bedrohung mit der Realität überein? Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) bildet diese Realität zwar nicht fehlerfrei ab, aber sie zählt die bundesweit von der Polizei registrierten Straftaten und erhält deshalb viel Aufmerksamkeit.

Bundesinnenminister Horst Seehofer hat sie an diesem Dienstag vorgestellt, die wichtigste Nachricht in diesem Jahr: Die registrierte Kriminalität ist gesunken, bundesweit wurden 9,6 Prozent weniger Straftaten erfasst als im Vorjahr, darunter 2,4 Prozent weniger Gewaltkriminalität. Doch was lässt sich daraus ablesen? Vor einem Jahr erst, als der damalige Innenminister Thomas de Maiziére die Zahlen vorstellte, verbreitete er Angst: Die Gewaltkriminalität war gestiegen, um 6,9 Prozent. In Deutschland sei "etwas ins Rutschen geraten", sagt de Maizière.

Doch wie sich die polizeilich registrierte Kriminalität in Deutschland entwickelt, lässt sich sinnvoll nicht im Jahresvergleich, sondern erst über einen längeren Zeitraum hinweg erkennen. ZEIT ONLINE hat Daten aus der Polizeilichen Kriminalstatistik seit 1993 ausgewertet. Sie zeigen: Es rutscht nichts. Die erfasste Gewaltkriminalität sinkt seit zehn Jahren fast durchgehend.

Obwohl Gewaltkriminalität nur einen kleinen Teil aller Straftaten ausmacht, bekommt sie jedes Jahr besondere Aufmerksamkeit. Im Langzeitvergleich über 25 Jahre ist zu sehen: Seit einem Höchststand im Jahr 2007 ist die erfasste Gewaltkriminalität fast durchgehend gefallen und liegt nun etwa wieder auf dem Wert von 2002. Unter Gewaltkriminalität fallen Straftaten wie Mord, gefährliche Körperverletzung und Raub.

"Ein Eingriff in die körperliche Unversehrtheit ist für das Opfer besonders belastend", sagt Martin Rettenberger, Direktor der Kriminologischen Zentralstelle. Deshalb sei auch die Angst davor größer als beispielsweise vor Diebstahl. Auch würden Menschen nicht rational Risiken abwägen, wenn es um Gewaltkriminalität geht. "Die Angst, Opfer einer Gewalttat durch einen Fremden zu werden, ist groß, das Risiko aber vergleichsweise gering", sagt Rettenberger. Die Daten zeigen, dass es viel wahrscheinlicher ist, Opfer eines Familienmitgliedes oder Bekannten zu werden. "Diese Gewaltdelikte finden häufig statt, lösen aber wenig Angst aus", sagt Rettenberger. Ein naheliegender Grund dafür sei, dass wir so unser Zusammenleben aufrechterhalten. "Wenn ich ständig Sorge habe, dass Freunde und Familie mir was antun, funktioniert das nicht." Und die Gefahr von außen wiederum fördere den Zusammenhalt im sozialen Umfeld.

Die Zahl der Morde ist seit dem Höchstwert im Jahr 1993 fast durchgehend gesunken und lag fünf Jahre auf einem Allzeittief. Ein Im Jahr 2016 gingen die Zahlen plötzlich nach oben. Der Grund dafür ist eines (der vielen) Probleme der PKS: Hier zählten 72 Morde hinein, die der Krankenpfleger Niels H. begangen haben soll – zwischen 2000 und 2005. Nur waren sie damals noch nicht bekannt und wurden erst später registriert.

Nie wurden so wenig Handtaschenraube erfasst wie heute. Anders als Alltagsgewalt sei Raub meist ein finanziell motiviertes Delikt, das passiere selten im Affekt, sagt Rettenberger. "Es gibt auch in der Kriminalität einen Zeitgeist. Vor 20 Jahren war es vielleicht eine gute Idee, Handtaschen zu stehlen, weil sie viel Bargeld enthielten. Heute ist es lukrativer, im Internet auf Beutezug zu gehen." Sicher lässt sich aber über die Gründe nichts sagen.

Wie schwierig die Veränderungen in der PKS zu interpretieren sind, zeigt auch dieses Beispiel. Ist die tatsächliche Zahl der schweren Körperverletzung an öffentlichen Orten gestiegen? Meistens, sagt Rettenberger, hätten solche Veränderungen mehrere Gründe und nur einer davon ist eine veränderte Zahl von Fällen. "Es ändert sich auch die Sensibilität in der Bevölkerung und die Anzeigebereitschaft." So können steigende Zahlen auch etwas Positives bedeuten: "Wir nehmen Gewalt im öffentlichen Raum deutlicher wahr und sind heute eher bereit, sie anzuzeigen." Eine öffentliche Debatte über das Gewaltproblem führe zu Reaktionen aus der Politik, die dann an bestimmten Hotspots mehr Polizei einsetzt. Das sei sinnvoll, sagt Rettenberger. Nur: Wo mehr Polizei ist, werden auch mehr Straftaten registriert und es sieht so aus, als sei die Kriminalität gestiegen.