Wenn Friederike* von ihrer Entscheidung erzählt, die Antibabypille abzusetzen, spricht sie von einem "Befreiungsschlag". Mit 18 Jahren hatte die junge Architektin das Medikament zum ersten Mal genommen. Sie wollte sicher verhüten und ihre Regelschmerzen mindern. Beim Frauenarzt bekam sie zur Pille ein Metalldöschen mit Rosenverzierung, eine ausreichende Aufklärung über die Nebenwirkungen bekam sie hingegen nicht. Vier Jahre später trennte sie sich von ihrem Freund, setzte die Pille ab – und stellte fest, wie die Hormone ihre Lust auf Sex gebremst hatten. Seitdem hat Friederike das Medikament aus ihrem Leben verbannt.

Wie Friederike geht es zahlreichen anderen jungen Frauen. Sie sehen die Pille als Einschränkung ihrer sexuellen Begierde, wollen Nebenwirkungen wie ein erhöhtes Thromboserisiko oder Depressionen nicht länger hinnehmen und nicht allein für die Verhütung verantwortlich sein. Unter Hashtags wie #mypillstory berichten sie über ihre Befreiungsgeschichten.

Stehen ihre Geschichten für eine Trendwende? Die Pille ist nach wie vor das beliebteste Verhütungsmittel in Deutschland. Mehr als die Hälfte der Frauen zwischen 20 und 44 Jahren nimmt sie nach Angaben der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Doch die Absatzzahlen der Pille sinken seit 2015, wie Analysen des privaten Forschungsinstituts IQVIA zeigen. Ob das daran liegt, dass Frauen heute anders über die Pille denken, oder ob die Zahl der Frauen im gebärfähigen Alter abgenommen hat, darüber trifft die Studie keine Aussagen.

Katharina Rohmert arbeitet als Ärztin bei Pro Familia, einer Beratungsstelle für Fragen zu Sexualität, Schwangerschaft oder Partnerschaft. In ihren Sprechstunden beobachtet sie ein Phänomen, das sie "Pillenmüdigkeit" nennt: Frauen, die sehr früh mit der Einnahme der Pille begonnen haben, setzen diese ab, weil sie ihren Körper besser kennenlernen wollen. Während die Beliebtheit der Pille bis in die Neunzigerjahre stieg, machten sich Frauen heute mehr Gedanken über die Langzeitwirkungen auf ihren Körper, sagt Rohmert.

Mit der Pillenmüdigkeit veränderte sich auch die Wortwahl um die Pille. Das letzte Mal, dass Frauen in Zusammenhang mit der Pille von einem "Befreiungsschlag" sprachen, war in den Jahren nach ihrer Markteinführung 1961. Damals benutzten aber nicht Aussteigerinnen den Begriff, sondern Feministinnen wie Alice Schwarzer. Sie feierten die Pille als revolutionäre Erfindung.

Regulierung des makelhaften Körpers

Als die damals junge Mutter und Hausfrau Jutta* 1963 die Pille zum ersten Mal schluckte, war diese noch weit davon entfernt, das beliebteste Verhütungsmittel in Deutschland zu werden. Viele Ärzte und die Kirche kritisierten das neue Verhütungsmittel. Sie beriefen sich auf die Enzyklika Humanae Vitae von Papst Paul VI. Er behauptete darin, die Pille führe zur "allgemeinen Aufweichung der sittlichen Zucht" und befördere den außerehelichen Geschlechtsverkehr.

Jutta war die gesellschaftliche Meinung egal und die Nebenwirkungen spielten für sie keine Rolle. Wichtiger war ihr Wunsch, nicht ein weiteres Mal schwanger zu werden. "Anfangs wollte ich noch sechs Kinder bekommen", erinnert sie sich. Nach dem dritten Kind änderte sie ihre Meinung und ließ sich auf den Vorschlag ihres Frauenarztes hin die Pille verschreiben. "Ich hatte meine Grenzen als Mutter erkannt", sagt sie. Ihre Entscheidung für nur drei statt sechs Kinder ermöglichte ihr, das Abitur nachzumachen und Politik- und Sozialwissenschaften zu studieren.

Die Autorin Sabine Kray ist selbst eine der Frauen, die pillenmüde wurden, und schrieb das Buch Freiheit von der Pille. Für den Einstellungswandel gegenüber der Pille sieht sie vor allem zwei Gründe: "Zum einen bewegen wir uns davon weg, den weiblichen Körper als Bürde zu betrachten", sagt Kray. Der Feminismus der Siebziger- und Achtzigerjahre habe dafür gekämpft, die körperlichen Unterschiede zwischen Mann und Frau zu verneinen. Viele junge Frauen wollten ihren Lebensstil und ihre beruflichen Chancen nicht durch eine mögliche Schwangerschaft einschränken lassen. "Die Pille stand schon immer für mehr als nur Verhütung. Sie stand auch für die Regulierung eines als makelhaft empfundenen Körpers", sagt Kray. Heute gehe es darum, den weiblichen Körper so anzunehmen, wie er ist. Eine Entscheidung gegen die Pille sei eine Entscheidung, den eigenen Körper zu akzeptieren.