Dies ist die Geschichte einer widerspenstigen Frau. Ihr Name: Margrit Herbst. Vor fast 30 Jahren ist sie eine der ersten deutschen Whistleblowerinnen geworden, weil sie nicht wegschauen wollte und die ersten Verdachtsfälle auf Rinderwahnsinn in Deutschland meldete. Die Folgen ihrer Tat spürt sie bis heute, denn sie waren, kurz gesagt, brutal.

Darüber reden möchte Margrit Herbst eigentlich nicht mehr und lässt es ungefiltert durchblicken, wenn sie auf ihre Flensburger Art die Vokale lang zieht. "Aaaach", "neee", "bloooß nicht", das sei alles so lange "heeeer". Aber nun will die Europäische Union Whistleblower besser schützen und eine Richtlinie erlassen. Die Justizminister der Mitgliedsstaaten werden am 4. Juni darüber beraten, und wer wüsste besser als eine Whistleblowerin, welche Hilfe wirklich nötig wäre. Also sagt Margrit Herbst seufzend zu. Sie wohne jetzt in "Broksteeeedt" unterm Dach. Bitte klingeln.

Ohne Whistleblower wären viele Skandale nicht ans Licht gekommen, die Welt wäre eine schlechtere, und das gilt weit über Edward Snowden hinaus, den berühmten Zeugen für amerikanische Spionageprogramme im Internet. Aber während die Gesellschaft insgesamt von den Enthüllungen profitiert, ergeht es Whistleblowern in den folgenden Jahren oft miserabel. Die Geschichte von Margrit Herbst erzählt auf beispielhafte Weise, wie es dazu kommt.

In Brokstedt wartet eine zierliche Dame von 77 Jahren mit Pagenschnitt und großer Brille vor der Tür ihrer Dachgeschosswohnung und schaut ins Treppenhaus hinab. Als ob sie noch einmal überlegt, ob sie bereuen sollte, zugesagt zu haben. Aber dann bittet sie ins Wohnzimmer zu Keksen und einem Glas Wasser und blickt weit zurück.

Als gesund deklariert

In den Achtzigerjahren arbeitete die promovierte Tierärztin als angestellte Veterinärin beim Kreis Segeberg in Schleswig-Holstein. Oft begutachtete sie die lebenden Rinder, die im Schlachthof von Bad Bramstedt ankamen, und eines Tages, im Sommer 1990, fiel ihr ein erstes Tier auf. Es strauchelte, stolperte über die eigenen Beine und war schreckhaft.

"Ich hatte so etwas noch nie gesehen, aber in Großbritannien hatte es schon Fälle von BSE gegeben und ich fürchtete schon seit einer Weile, dass die Krankheit durch den Handel mit kranken Kälbern nach Deutschland kommen könnte", sagt Herbst. Also sortierte sie das fragliche Rind in Bad Bramstedt aus und notierte die Symptome.

Aber weder ihre Vorgesetzten noch die Manager der Norddeutschen Fleischzentrale wollten etwas von ihrem Verdacht wissen. Stattdessen ließen sie das Tier und weitere Verdachtsfälle in den darauffolgenden Jahren ungerührt schlachten, oft dann, wenn die Tierärztin nicht mehr im Betrieb war. Das Fleisch ging – als gesund deklariert – in den Handel. Herbst sagt dazu: "Ich habe in meinem Leben bestimmt 100.000 Rinder begutachtet. Natürlich habe ich gesehen, wenn ein Tier krank war und sich auffällig verhielt."