Haben antisemitische Übergriffe in Europa zugenommen, seit die Zuwanderung aus Nahost und Nordafrika zugenommen hat? Diese Frage wurde zuletzt häufig diskutiert – besonders immer dann, wenn über judenfeindliche Übergriffe berichtet wurde. Zudem gab es in der jüngeren Vergangenheit diverse Autoren und Politiker, die diesen Zusammenhang formulierten. In der Folge gab etwa der Zentralrat der Juden im April die Warnung heraus, man solle in der Öffentlichkeit keine Kippa tragen.

Doch was ist dran an dem Verdacht? Die Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft hat untersucht, ob es tatsächlich einen Zusammenhang zwischen Antisemitismus in Europas Gesellschaften und der gestiegenen Zahl der Migranten gibt. Wissenschaftler aus Deutschland, Frankreich, Großbritannien, den Niederlanden und Belgien untersuchten dafür unterschiedliche Daten aus den fünf Ländern und kamen zu dem eindeutigen Ergebnis, dass kein Anstieg antisemitischer Übergriffe festzustellen sei. "Antisemitismus ist ein Problem, das der Mehrheitsbevölkerung entspringt und nicht ausschließlich oder sogar überwiegend von Minderheiten herrührt", heißt es in der Studie.

Für ihre Untersuchung werteten die Wissenschaftler Daten seit 2011 aus. Grundlage waren unter anderem Meinungsumfragen, Daten von Nichtregierungsorganisationen, Regierungen sowie nichtstaatlichen Stellen, Forschungsarbeiten, Medienberichte und eigene Befragungen, die zusammengetragen und ausgewertet wurden. Auch die Anzahl antisemitischer Vorfälle und Verbrechen wurde in die Analyse einbezogen.

Die Ergebnisse ähneln jenen des Report on Antisemitism in 2016, der vom israelischen Ministerium für Diplomatie und Diaspora herausgegeben wurde. Auch darin war die Rede davon, dass durch "Immigranten aus muslimischen Ländern keine Zunahme des Antisemitismus" verursacht werde. Kürzlich bestätigte auch das Bundesinnenministerium für Deutschland, dass die Zahl der antisemitischen Taten 2017 im Vergleich zum Vorjahr zurückgegangen ist, wenn auch nur leicht. Allerdings steht die Statistik in der Kritik, weil eine hohe Dunkelziffer vermutet wird.

"Historischer Antisemitismus" wird nur selten mitgebracht

In der jetzt veröffentlichten Studie Antisemitismus und Immigration im heutigen Westeuropa – Gibt es einen Zusammenhang? wird allerdings auch festgestellt, dass antisemitische Einstellungen unter muslimischen Minderheiten weiter verbreitet sind als in der Allgemeinbevölkerung. In Bezug auf die Bundesrepublik sei es jedoch genauso wichtig, anzumerken, "dass antisemitische Einstellungen offenbar kein allgemeines Merkmal von Muslimen in Deutschland sind, sondern lediglich bei einer Minderheit auftreten".

Der an der Studie beteiligte Soziologieprofessor Marco Martiniello sagte der belgischen Zeitung Le Soir, Migranten aus Ländern mit einem sogenannten "historischen Antisemitismus" würden diesen nur in Ausnahmefällen ins Gastland mitbringen. Die Migranten seien "zu sehr damit beschäftigt, ihr neues Leben aufzubauen". Oft hätten sie auch keine Meinung zu den jüdischen Gemeinden oder wüssten schlicht nichts von deren Existenz.

Die Studie zeigt auch, dass es in den fünf untersuchten Ländern deutliche Warnungen vor Antisemitismus durch Migranten gibt. In den Niederlanden etwa hätten Politiker mehrerer Parteien die Vermutung geäußert, dass Migranten aus Nordafrika und dem Nahen Osten möglicherweise Antisemitismus ins Land brächten. Auch in Deutschland sei "der Gedanke, dass Flüchtlinge aus muslimisch geprägten Ländern den Antisemitismus nach Deutschland bringen, umstritten, jedoch auch weit verbreitet", schreiben die Autoren. In Frankreich wiederum konzentrierten sich die Bedenken mehr auf "die ansässige und in Frankreich geborene muslimische Bevölkerung als auf die aktuellen Einwanderer und Flüchtlinge".

Bei der Auswertung nationaler Studien habe sich zudem gezeigt, "dass antisemitische Einstellungen und Handlungen auch weiterhin unverhältnismäßig präsent sind unter Personen, die rechtsextreme und rechtspopulistische politische Bewegungen unterstützen", schreiben die Autoren. Außerdem sei auch eine "klare Beziehung" festzustellen zwischen der Zahl der erfassten antisemitischen Vorfälle und "bedeutenden Ereignissen im Konflikt zwischen Israel und Palästinensern".