Um das Besondere am Fall Ali B. zu verstehen, hilft es, sich das Ganze mal umgekehrt vorzustellen. Nehmen wir also an, es ginge um Heinz M. Der Düsseldorfer wird verdächtigt, in Uruguay eine Einheimische vergewaltigt und getötet zu haben. M. flieht zurück nach Deutschland. In Bayern wird er von einer Sondereinheit der Polizei festgenommen und nach einem Geständnis an die uruguayische Polizei übergeben, die in einem eigenen Flugzeug auf dem Münchner Flughafen auf ihn wartet. Alles binnen eineinhalb Tagen.

Die Empörung wäre wohl groß. Mord ist ein schweres Verbrechen, doch muss die Rechtmäßigkeit des Verdachts und einer möglichen Auslieferung nicht zuerst geprüft werden? Immerhin besteht kein Auslieferungsabkommen mit Uruguay. Außerdem werden Deutsche nicht einfach ins außereuropäische Ausland ausgeliefert. Das verbietet das Grundgesetz. Man hätte M. auch in Deutschland den Prozess machen können. Und schließlich: Warum hat Bayern das alleine entschieden?

Natürlich gestaltet sich der Fall des Ali B. im Detail etwas anders. Doch das Gedankenexperiment zeigt, wie sich die Ereignisse der vergangenen Tage aus irakischer Sicht darstellen. Der mutmaßliche Mörder von Susanna F. wurde nicht über ein Auslieferungsersuchen nach Deutschland gebracht, er wurde von den kurdischen Behörden im Nordirak schlicht der deutschen Polizei übergeben. Das deutsche Innenministerium spricht von einer "Abschiebung".

Das ist ein außergewöhnlicher Vorgang. Normalerweise läuft es ganz anders.

1.404 Mal ist im Jahr 2016 ein Ausländer wegen einer Straftat zurück nach Deutschland gebracht worden. Aktuellere Zahlen gibt es nicht. Den größten Teil machen dabei Europäer aus: Nur gut 50 zurückgeholte Ausländer kommen aus anderen Teilen der Welt. Am häufigsten wurden Rumänen, Polen und Niederländer nach Deutschland ausgeliefert. Zumeist wegen Diebstählen und Sachbeschädigungen.

Verschiedene Wege zur Auslieferung

Besteht ein begründeter Verdacht, können EU-Bürger per EU-Haftbefehl gesucht werden – und Verdächtige aus anderen Ländern mit einem Haftbefehl von Interpol. "Interpol ist nichts anderes als ein großes Schwarzes Brett, an das jeder teilnehmende Staat sein Fahndungsersuchen pinnt", sagt der Kölner Strafrechtsexperte Nikolaos Gazeas. Er ist Experte für Auslieferungsrecht: "Jeder Mitgliedsstaat kann dann auf diese Pinnwand schauen, sieht das Ersuchen und nimmt es in aller Regel in sein nationales Fahndungssystem auf."

Wie geht es weiter, wenn ein in Deutschland Tatverdächtiger dann tatsächlich im Ausland festgenommen wird? Dann stellen die deutschen Behörden ein Auslieferungsersuchen. Innerhalb der EU ist Auslieferung dann manchmal nur eine Sache von einigen Tagen, weil hier die Justizentscheidungen anderer EU-Mitglieder nicht mehr groß überprüft werden. Aber es gibt natürlich auch komplizierte Fälle, wie den des ehemaligen katalanischen Regionalpräsidenten Carles Puigdemont.

Mit manchen Ländern außerhalb der EU hat Deutschland außerdem Auslieferungsabkommen – teils alleine verhandelt und abgeschlossen, teils zusammen mit der EU. Unter anderem mit Kanada, Indien, Australien und den USA bestehen solche Abkommen. Diese legen fest, unter welchen Bedingungen ein Verdächtiger ausgeliefert werden muss. Im Abkommen mit den USA steht etwa, dass ein Deutscher oder eine Deutsche nur an die Vereinigten Staaten ausgeliefert wird, wenn ihm oder ihr dort nicht die Todesstrafe droht.

In den meisten Auslieferungsabkommen ist zudem eine Schwelle festgelegt: Ausgeliefert wird meist erst ab Verbrechen mit einer Mindeststrafe von einem Jahr.  "Auslieferung beruht auf Gegenseitigkeit", sagt Strafrechtsexperte Gazeas. "Das heißt, wenn ich von einem Staat die Auslieferung einer Person verlange, dann darf der andere an sich davon ausgehen, dass ich ihm eine von ihm gesuchte Person ebenso ausliefern würde." Ausgenommen von solchen Abkommen sind politische Straftaten, weil sich das ausliefernde Land nur ungern in innenpolitische Streitigkeiten anderer Länder einmischen will.