Dieser Text ist Teil unserer neuen Serie "Heimatmysterium". Hier suchen wir nach dem, was Menschen in Deutschland verbindet – Religion, Beruf, Hobby, Herkunft oder Lebenssituation. Dem, was deutsche Heimaten ausmacht.

Weitere Informationen über das Projekt #D18

Abud rennt. Er rennt die im Morgenlicht flimmernde Sonnenallee entlang Richtung Nordwesten, vorbei an den Shishacafés, Handyläden und arabischen Konditoreien, den 5er BMWs und Mercedes E-Klassen. An seinen Händen und Füßen sind Gewichte befestigt.

An der Weichselstraße biegt er rechts ab, dann passiert er die veganen Hipstercafés und Bioläden Neuköllns. Er atmet schnell und gleichmäßig, sein Herz schlägt wild, 180 Schläge pro Minute, das ist kurz vor dem Maximalpuls, egal, Abud rennt weiter. Er sieht nicht, wie die Leute ihn anstarren. Er hat es fast geschafft, noch einen Kilometer. Der finale Spurt. Abud gibt noch mal alles. Er weiß, wofür.

Vor zwei Jahren war er ganz oben. Abud war fünffacher Deutscher Meister im Halbschwergewicht, die großen Boxpromoter lockten mit Verträgen und amerikanischen Sportwagen. Der nächste Boxweltmeister, raunten die Jungs von der Sonnenallee, kommt aus Neukölln.

Doch von einem Tag auf den anderen war plötzlich alles anders. Ein gefährlicher Hirnabszess, sagten die Ärzte, und: Sportverbot. Die WM, die Verträge, die Zukunft, die falschen Freunde, das alles war noch schneller weg, als es gekommen war. Doch Abud hat nicht aufgegeben. Eines Tages wird er Boxweltmeister werden.

Er war anders

Abdulrahman Abu Lubdeh, so heißt er mit bürgerlichem Namen, ist in Bonn geboren, aber in Neukölln aufgewachsen, seit er fünf ist. Erst im Problemkiez Rollbergviertel, später, als sie es sich leisten konnten, zogen seine Eltern mit ihm und seinen vier Brüdern ins bürgerlichere Rudow. Abud trank nie, rauchte nie, und während viele andere Scheiße bauten, joggte Abud durch die Straßen oder schwitzte beim Krafttraining, auch am Wochenende. Als er 18 war, hatte er seine Mittlere Reife und wurde Bundeswehrsoldat in deren Sportfördergruppe.

Ich habe ihn vor gut zehn Jahren kennengelernt. Ich war Filmemacher, der versuchte, Zugang zu den hauptsächlich palästinensischen Gangs von Neukölln zu bekommen. Ich wollte herausfinden, woher ihre Wut kommt, diese kriminelle Energie von jungen Männern, die, wenn man sie allein trifft, so liebenswert, höflich und gefühlvoll sein können, die aber so gefährlich und aggressiv werden können, sobald sie in der Gruppe unterwegs sind. Abud gehörte nie wirklich dazu, aber er, der junge Boxer, wurde von ihnen respektiert und geschätzt.

Die stille Mehrheit

Als Abud zum ersten Mal Deutscher Meister wurde, saßen zwei seiner Schulkumpels schon im Gefängnis. Arabische männliche Jugendliche stellen 52 Prozent der Intensivtäter in Neukölln, obwohl sie mit zehn Prozent einen viel geringeren Teil dieser Alterskohorte ausmachen. "Halb Neukölln sitzt doch im Knast", hat mir ein 19-jähriger Intensivstraftäter in der JVA Moabit mal gesagt, "und die andere Hälfte arbeitet hart daran, wieder reinzukommen."

Das allerdings ist eine gefühlte Wahrheit, nicht nur in der deutschen Mehrheitsgesellschaft, auch in der arabischen Community. Die Fakten sehen anders aus. Während nach wie vor viele männliche arabische Jugendliche früh kriminell werden, beenden auch immer mehr von ihnen ihre Schulzeit erfolgreich. Das begann mit den Mädchen und setzt sich jetzt bei den Jungs fort. Ein internes Papier des Rathauses Neukölln ging Mitte 2014 von mindestens 167 Intensivtätern aus, davon 49 Prozent arabischer Herkunft. Selbst wenn man diese Zahl für zu niedrig hält, sie verdoppelt und von 300 Intensivtätern ausgeht, kommt man auf eine Zahl von ungefähr 0,05 Prozent Intensivtätern arabischer Herkunft in der Neuköllner Gesamtbevölkerung. Eine erstaunlich geringe Zahl, die aber unser Bild von Neukölln und der arabischen Community prägt. Mit den wütenden Jungs aus Neukölln-Nord ist es wie mit den Wutbürgern der Republik. Die laute, gefährliche Minderheit übertönt die stille Mehrheit. Sie prägt und verzerrt das Bild.

Die schweigende Mehrheit Neuköllns

Abuds Geschichte ist typisch für Neukölln, weil er Teil dieser Mehrheit ist, weil sein Lebenslauf zu den vielen schiefen Lebensläufen hier gehört, die eben nicht im Knast oder kriminellen Clan enden. Woran liegt es, dass die einen schon in der Pubertät auf die schiefe Bahn geraten und die anderen den geraden Weg gehen? Was braucht es, um in Neukölln-Nord anständig zu bleiben? Charakter, die richtige Schule, das richtige Elternhaus? Und reicht das, um in Deutschland dazuzugehören? Wird einer, der Abdulrahman heißt, jemals als Deutscher akzeptiert werden?

Zum Gespräch will er sich lieber in Mitte treffen, und seine erste Frage lautet: "Ganz ehrlich, Christian, hast du nicht auch Lust auf ein Eis?" Statt Shishabar gibt es also Schokoladeneis, statt Sonnenallee die Eismieze in der Schlegelstraße. Abud ist ausgepowert und gut gelaunt, er hat schon zwei Trainingseinheiten hinter sich. Sein Gesicht ruht still unter dem Guy-Fawkes-Bärtchen. Wir können reden.

"Abud, hat es dich nicht auch verlockt, mit 16 ein schnelles Auto zu fahren?"

"Doch, klar. Aber ich hatte eine andere Erziehung als die meisten. Als ich mal jemanden in der Schule geschlagen hatte, ist mein Vater explodiert. Zum Glück. Danach dachte ich immer: Bloß keinen Stress. Wenn mein Vater hätte sehen müssen, dass sein Sohn mit der Polizei nach Hause kommt, das wäre für mich ein Albtraum gewesen."

Es gibt ein Detail in Abuds Leben, das ihn von den meisten arabischen Jungs auf der Sonnenallee unterscheidet: Seine Eltern kamen als Studenten nach Deutschland und nicht als Flüchtlinge. Sein Vater, der spätere Doktor Abu-Lubdeh, konnte studieren, arbeiten und seine Praxis eröffnen. Heute ist er HNO-Arzt, weit über die Grenzen Neuköllns hinaus bekannt und in der deutsch-palästinensischen Community hoch angesehen.

Die große Flucht aus dem Libanon

Vielen Palästinensern in Neukölln blieb diese Möglichkeit verwehrt. Seit den Siebziger- bis in die Neunzigerjahre kamen sie zu Zigtausenden nach Deutschland. Sie flohen vor dem Bürgerkrieg im Libanon, wo sie auch schon Flüchtlinge gewesen und von einigen der schlimmsten Massaker betroffen waren. Heute leben rund 130.000 Menschen mit arabischem Migrationshintergrund in Berlin, davon schätzungsweise 30.000 palästinensischer Herkunft.

Der Krieg, aber auch das deutsche Ausländerrecht haben aus vielen palästinensischen Familienvätern gebrochene Männer und Bittsteller gemacht. Wenn sie geduldet sind, dürfen sie weder arbeiten noch studieren, nicht einmal einen Führerschein machen. Aber selbst mit Arbeitserlaubnis ist es vor allem für die Elterngeneration schwer, einen Job zu finden – ihr Deutsch ist nicht gut, Ausbildungen werden oft nicht anerkannt, nur wenige haben im Bürgerkrieg studieren können. Und das deutsche Ausländerrecht ist verwirrend. Es gibt viele palästinensische Familien, in denen jedes Mitglied einen anderen Aufenthaltsstatus hat.