Er ist die Antwort der Regierung auf die judenfeindlichen Vorfälle der vergangenen Monate: Der Diplomat Felix Klein wurde am 11. April zum ersten Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung nominiert. Allerdings erscheint es zweifelhaft, ob er sich mit allen Facetten von Judenfeindlichkeit auskennt.

Denn genau eine Woche später, am 18. April, nahm Klein am sogenannten Marsch des Lebens in Berlin teil. 400 Menschen zogen mit israelischen Fahnen den Kurfürstendamm entlang – laut Selbstdarstellung gegen Antisemitismus, Rassismus und Israelhass. Felix Klein lief in der ersten Reihe mit, wie Fotos belegen. Die Initiative Marsch des Lebens veranstaltet seit 2007 Gedenkmärsche an Orten des Holocausts in Deutschland. Seitdem haben nach Angaben der Initiative mehr als 350 Märsche stattgefunden.

Der Marsch des Lebens scheint auf den ersten Blick unproblematisch zu sein. Veranstalter sind allerdings Jobst und Charlotte Bittner und ihr TOS Dienste Deutschland e. V. (bis 2010 Tübinger Offensive Stadtmission), eine neupfingstlich-charismatisch geprägte Gemeinde, die 1987 gegründet wurde und zur christlich-fundamentalistischen Szene in Deutschland gehört. Heute ist sie auch in Leipzig, Ueckermünde, Albstadt-Tailfingen und Halle an der Saale vertreten.

So wie viele andere christlich-fundamentalistische Organisationen steht die TOS-Gemeinde für ein homophobes Weltbild. Laut der NDR-Doku Die Schwulenheiler sollen in der Gemeinde mit Handauflegung und Gebet Homosexuelle geheilt werden. Der Beitrag des NDR zeigt mit versteckter Kamera Aufnahmen von einem Heilungsgottesdienst in Tübingen.

Wenn man genauer schaut, was hinter der proisraelischen Haltung dieser Gemeinde und den Marsch-des-Lebens-Veranstaltungen steckt, erkennt man, dass sie nicht nur im Bezug auf Homosexualität eine extremistische Position vertreten. In ihrem Buch Mission Gottesreich – Fundamentalistische Christen in Deutschland zitieren die Journalisten Oda Lambrecht und Christian Baars den TOS-Mitgründer und Veranstalter der Märsche für das Leben, Jobst Bittner. Bittner fordere eine Trennung vom "säkularen griechisch-philosophischen Erbe". Er erwarte, dass es einen "Gebetskampf um die Zukunft Israels" geben werde, und bestehe darauf, das Evangelium sei "ein absoluter Anspruch auf das Leben jedes Menschen", schreiben die Autoren. Dabei ist es doch genau dieses christliche Evangelium, an das die Juden nicht glauben, dessen Anspruch sie sich also nicht unterwerfen wollen.

Alle Juden sollen sich zum Christentum bekennen

In diesen Aussagen kommt eine Weltsicht zum Ausdruck, die viele christlich-fundamentalistische Gruppen eint: Alle Juden der Welt müssen sich im Heiligen Land versammeln, bevor der Messias, also Jesus, zum zweiten Mal erscheinen kann. Wenn dieses Ziel erreicht werde, würden sich alle Juden zum Christentum bekennen. So die Lehre. Diese Vorstellung ist judenfeindlich, weil sie letztendlich für eine judenfreie Diaspora steht und weil sie das alte christliche antijudaistische Klischee vermittelt, dass das Judentum keine wahre Religion sei, sondern ein veralteter Kult, der ausschließlich mit einer Konversion zum Christentum überwunden werden könne.

Christliche Fundamentalisten marschieren mit der israelischen Nationalfahne vor allem in den USA, aber auch in anderen Ländern wie zum Beispiel in Ungarn, weil sie den Staat Israel als ein attraktives Ziel für Juden darstellen wollen. Sie wollen damit die Alija, die sogenannte Rückführung der Juden ins Heilige Land, fördern und damit die "Endzeit" näher bringen. Anhänger dieser Strömung agieren auch auf weiteren Ebenen: Sie publizieren proisraelische Materialien, organisieren Gottesdienste mit jüdischen und israelischen Elementen – wobei sie ganz konkret auch Juden missionieren wollen –, und drittens unterstützen sie personell und finanziell die Auswanderung von Juden nach Israel.

Ob sich Bittners Gemeinde an diesen Aktivitäten auch beteiligt, lässt sich nicht eindeutig beweisen, auf eine Anfrage von ZEIT ONLINE haben sie nicht reagiert. Sicher ist: Neben Bittners belegten Aufforderungen zu einer bedingungslosen Unterstützung Israels, kooperiert er oft mit sogenannten messianischen Juden, also mit jüdischstämmigen Menschen, die Jesus als Messias anerkennen und damit als Christen bezeichnet werden können. Auch das Vorwort zu Bittners Buch wurde von dem messianischen Juden Michael L. Brown verfasst. Viele messianische Juden sind missionarisch aktiv und gehen direkt in die jüdischen Gemeinden. Laut dem Rabbiner Andreas Nachama verkörpert diese Mission den klassischen Antijudaismus. Wie der Zentralrat der Juden in Deutschland berichtete, werben messianische Juden gezielt um russischsprachige Juden und missbrauchen deren geringes Wissen über das Judentum. Eine Missionierung von Juden lehnt der Zentralrat entschieden ab.

Auch an den Märschen des Lebens nehmen jüdische Gruppen und Personen teil, in Berlin beteiligte sich in diesem Mai etwa Stephan Kramer, früherer Generalsekretär des Zentralrats der Juden und heutiger Verfassungsschutzpräsident Thüringens, an einer der Demonstrationen. 2015 lief der Landesrabbiner von Mecklenburg-Vorpommern auf einer Demo mit. Ob das Engagement jüdischer Gruppen aus Unwissenheit geschieht oder aus der Überzeugung, es sei wichtiger, den Antizionismus zu bekämpfen als den Antijudaismus, also die religiös begründete Judenfeindlichkeit, bleibt dabei meist offen. Anders im Fall von Herbert Lappe von der jüdischen Gemeinde in Dresden, der zwar teilnahm, aber in seinem Redebeitrag die Instrumentalisierung der Juden verurteilte, woraufhin er Kritik der Organisatoren erntete.