Während in Berlin aufgeregt darüber diskutiert wird, ob Deutschland noch Flüchtlinge aufnehmen kann oder sie an der Grenze abweisen sollte, zeigt ein Blick auf die Zahlen, dass sich Europa seit Herbst 2015 längst in eine stark gesicherte Festung verwandelt hat.

Drei große Routen nach Europa nahmen die Menschen in den Monaten der größten Flüchtlingswanderung: erstens, aus der Türkei über die Ägäis nach Griechenland und weiter über die Balkanländer nach Ungarn, Österreich und Deutschland; zweitens, aus Libyen über das Mittelmeer nach Italien; drittens, aus Marokko nach Spanien. Neben diesen Hauptstrecken gab es drei weitere Wege, die aber von weit weniger Menschen beschritten wurden: Einige wagten sich mit dem Boot von Westafrika auf den Atlantischen Ozean und versuchten, die Kanarischen Inseln zu erreichen. Andere versuchten, von der Türkei über den Landweg nach Westen zu kommen oder von Ägypten aus per Kutter die italienischen Regionen Kalabrien und Apulien zu erreichen.

Als erstes verriegelten die Europäer den Weg aus der Türkei nach Westen. Slowenien, Ungarn und Mazedonien errichteten Anfang 2016 Zäune an ihren Südgrenzen und sperrten die Balkanroute. Am 18. März 2016 schlossen die Europäer mit der Türkei ein Abkommen. Der Deal besagte, dass die Türkei keine Menschen mehr unkontrolliert Richtung Griechenland und Balkan ausreisen lässt. Wer doch kam, konnte zurückgeschickt werden. Im Gegenzug verpflichtete sich die EU, Flüchtlinge geordnet aus der Türkei aufzunehmen. Außerdem sagte die EU der Türkei sechs Milliarden Euro an Flüchtlingshilfe bis Ende 2018 zu. Das Geld floss, die Türkei stoppte die Ausreise von Flüchtlingen. Allerdings übernahm die EU kaum reguläre Umsiedler aus der Türkei.

Auch der Fluchtweg über das Mittelmeer von Libyen nach Italien wurde im vergangenen Jahr massiv eingeschränkt. Alles hatte im Herbst 2013 begonnen, als im Mittelmeer binnen weniger Tage Hunderte von Menschen ertranken. Die Regierung in Rom hatte damals Rettungsschiffe entsandt, Mare Nostrum nannte sie den Einsatz. Bis Ende Oktober 2014 zogen italienische Schiffe etwa 150.000 Menschen aus dem Wasser. Dann stoppte Rom die Aktion. Denn die EU hatte die Italiener alleingelassen. Kein Mitgliedsstaat war bereit, eine größere Zahl von Geretteten bei sich aufzunehmen.

Als es 2015 abermals zu schweren Bootsunglücken kam und wieder Hunderte Menschen starben, sandten die Europäer schließlich Kriegsschiffe, Aufklärungsflugzeuge, Hubschrauber und Drohnen. Doch sie sollten in erster Linie nicht Ertrinkende retten, sondern Schleuser bekämpfen. Dieser Kampf blieb weitgehend erfolglos. Unterdessen kreuzten private Rettungsboote und die italienische Küstenwache durch das zentrale Mittelmeer und retteten Tausende von Menschen, die im Westen Libyens auf Schlauchboote stiegen.

Es gibt neue Ausweichrouten

2017 schlugen die EU und Italien eine härtere Asylpolitik ein. Beide verfolgten zwei Ziele. Das erste: Solange es keinen europäischen Verteilungsschlüssel für die Aufnahme von Flüchtlingen gibt, sollen möglichst viele von ihnen aus Europa herausgehalten werden. Sie sollen in Nordafrika in Aufnahmelagern untergebracht werden. Das zweite: Die EU und Italien wollten auf dem Mittelmeer möglichst nicht mehr selbst retten.

Seither rüsten Italien und die EU Libyens Küstenwache auf. Libyen weitete seine Seenotrettungszone eigenmächtig von zwölf auf 72 Seemeilen aus und warnte die Hilfsorganisationen wider das internationale Recht, darin zu kreuzen. Wenn die libysche Küstenwache Flüchtlingsboote findet, werden sie nach Libyen zurückgeschleppt. Seither hat sich die Zahl der Flüchtlinge, die in Italien ankommen, stark verringert. Die Zustände in Libyen selbst sind dramatisch. Viele Flüchtlinge berichten, dass sie dort in Lager gesperrt, misshandelt und vergewaltigt wurden. Auch von Sklavenhandel ist die Rede.

Die große Flüchtlingswanderung nach Europa ist auf den Hauptrouten also stark eingeschränkt worden. Völlig beendet ist sie aber nirgendwo. Jüngst wurde bekannt, dass auf einer Ausweichroute über Albanien wieder Flüchtlinge über den Balkan ziehen und sich in Bosnien-Herzegowina sammeln. Spanische Schiffe stoßen weiterhin auf Boote, die von Marokko aus übersetzen wollen. Und von der Nordküste Tunesiens starten Richtung Italien Schnellboote, die sich aber nur wenige Flüchtlinge leisten können.