Männer, die nicht nachgeben

Dieser Text ist Teil unserer Reihe #D18, mit der wir Deutschland Deutschland neu erklären wollen. Alle Texte der Serie finden Sie hier.

© ZEIT ONLINE

Ralf Prahler ist ein Kümmerer. Ein Mann mit breiten Schultern und einer sanften Stimme, der sein Handy in der Brusttasche trägt. Einer, der manchmal einen Azubi mit Flausen im Kopf höchstpersönlich morgens aus dem Bett klingelt. Einer, der auf die gerahmten Urkunden für seinen Betrieb und seine Mitarbeiter blickt, wenn er den Sekretärinnen einen guten Morgen gewünscht hat, und die schmale Metalltreppe zu seinem Büro hinaufsteigt, Hündchen Charlie unter dem Arm.

Prahler ist einer, der überall Block und Bleistift liegen hat, um Ideen festzuhalten, auch nach Feierabend. Früher notierte er sich sogar vom Fernsehsessel aus, wie sich Prozesse im Betrieb optimieren lassen, erzählt er. Seit mehr als 20 Jahren produziert seine Firma Kugellager, Getriebeteile und inzwischen sogar die Maschinen, die solche Teile herstellen. Ein Lebenswerk, das einen mit 59 stolz und gelassen machen könnte.

"Diese Leute"

Doch Prahler ist nicht gelassen. Stattdessen kreisen seine Gedanken oft um das, was sie, "diese Leute", wenige Hundert Meter vom Gewerbegebiet entfernt, als Nächstes anstellen werden. Er schreibt oft Leserbriefe an die Lokalzeitung, "um Fakten in die Zeitung zu bringen". Die meisten Menschen hier, schreibt er der Reporterin, lebten bescheiden von ihrer Hände Arbeit und wollten sich von hochstudierten Aussteigern nicht den Alltag vorschreiben lassen. Später wird er hinzufügen: "Auf dem Dorf gehört es sich, dass man sich an den anderen orientiert, sich anpasst." Die neuen Nachbarn aber würden in eine bestehende Gesellschaft eindringen und geltendes Recht mit Füßen treten. Heuchler seien sie, die nur vorgäben, tolerant zu sein.

Ralf Prahler © Jacobia Dahm für ZEIT ONLINE

Hitzacker ist eine kleine Stadt zwischen Elbe und dem Flüsschen Jeetzel, nicht allzuweit von Hamburg entfernt, mit einem Zentrum aus uralten, gut erhaltenen Fachwerkhäuschen auf einer Insel. Backsteinhäuser ziehen sich an den Elbhängen empor, üppige Rhododendren wachsen in den Vorgärten. Es gibt zahlreiche Pensionen und Hotels für die Fahrradwanderer, die den Elberadweg auf und ab strampeln. Das Gewerbegebiet und der Tourismus sind die wichtigsten Einnahmequellen. Ein freundlicher Ort.

Seit einiger Zeit aber wird Hitzacker bestimmt von einem Streit, der tief in die Vergangenheit der Stadt hineinragt. In die Zeit, als die Proteste um das Atommülllager das Wendland prägten. Als konservative Alteingesessene linken AKW-Gegnern gegenüberstanden. Eine Zeit, die eigentlich überwunden schien.

Der Auslöser dafür steht auf einem sanften Hügel am Rand der Stadt, wo der Wind gerade so stark weht, dass die Zimmermänner trotz praller Maisonne nicht zu sehr schwitzen. Viel mehr als ein Holzgerüst ist vom Dorf der Zukunft noch nicht zu sehen. Von dort oben blicken die Zimmerer auf einen niedersächsischen Acker mit abgesteckten Parzellen. In einer steht schon eine Zimmerpflanze auf einem Nachttisch. In der Mitte verläuft ein Trampelpfad, der mal eine Dorfstraße werden soll. Hinten am Feldrand kauern Einfamilienhäuschen. Von nebenan aus dem Gewerbegebiet dröhnt es monoton, sonst hört man nur Vogelgezwitscher zwischen den Hammerschlägen.

"Endlich"

Thomas Hagelstein läuft mit großen Schritten über die Baustelle. Er hält einen Kaffeebecher in der Hand und strahlt über das kantige Gesicht. "Endlich", sagt er. Drei Jahre hat es gedauert, bis aus einer Idee die ersten Balken wurden. Eine Ewigkeit, wenn man wie Hagelstein und seine Mitstreiter die drängendsten Probleme dieser Zeit lösen will.

Denn Hagelstein und die anderen Planer des Zukunftsdorfs haben Großes vor. Die etwa 20 Frauen und Männer wollen ein neues Zuhause für 300 Menschen bauen – 100 Junge, 100 Alte, 100 Geflüchtete. In Hitzacker wollen sie eine Dorfgemeinschaft aufbauen, in der sie miteinander leben und sich gegenseitig helfen. Sie wollen gemeinsam Gemüse anbauen und kleine Läden betreiben. Die Jungen sollen für die Alten da sein, wenn sie pflegebedürftig werden, Alleinstehende die Kinder der jungen Eltern hüten. Wie früher auf dem Dorf, nur dass alle freiwillig hier sind und Internetanschluss haben.

Hitzacker - Eine Utopie soll Dorf werden Eine Baugenossenschaft plant im niedersächsischen Hitzacker ein Ökodorf für 300 Menschen. Die Videoreportage begleitet Mitglieder seit der Planung und zeigt, wie sie sich selbst organisieren. © Foto: Claire Roggan & Antonia Traulsen

Die Genossenschaft, das sind Altlinke wie Hagelstein, aber auch eine pensionierte Pastorin und ihre Lebensgefährtin, Menschen aus Hamburg, Berlin, Hannover. Sie eint die Sehnsucht nach Gemeinschaft und vielleicht auch nach einem sinnvolleren Leben. Momentan sind es noch deutlich mehr Alte als Junge und noch weniger Flüchtlinge, die anderes zu tun haben, als im Dorfplenum Konsensentscheidungen herbeizudiskutieren, während sie zwischen Ausländerbehörde, Deutschkurs und Wohnheim pendeln. Aber wenn das Dorf erst steht, ist Hagelstein überzeugt, werden sie kommen.

Sie wollen, sagt Hagelstein, eine Blaupause sein für andere Gemeinden in ganz Europa. Gemeinden, die schrumpfen und deren Bürgermeister nicht wissen, wie sie Kindergärten und Schwimmbäder weiter betreiben sollen. Die Flüchtlinge zu integrieren und Alte zu versorgen haben. Dafür haben sie eine Genossenschaft namens Hitzacker/Dorf gegründet, Geld gesammelt und einen Acker gekauft. Die Baugenehmigungen für die ersten beiden Häuser sind endlich da.

Doch eins der größten Probleme unserer Zeit ist: Wie schaffen es Menschen mit ganz unterschiedlichen Weltsichten, Menschen, zwischen denen tiefe ideologische Gräben liegen, miteinander ins Gespräch zu kommen? Zu streiten, Kompromisse zu finden und sich vielleicht sogar zu versöhnen? Für dieses Problem haben die künftigen Bewohner, die mit ihrem Dorf die Welt verbessern wollen, offenbar noch keine Lösung gefunden. Haben sie überhaupt eine gesucht?

Hagelstein, 59 Jahre alt, besetzte in Hamburg Häuser, bevor er vor 20 Jahren ins Wendland zog. Er sagt Dinge wie "Macht hat, wer was macht". Wenn er auf die Baustelle kommt, ist er das Zentrum, auch wenn es hier eigentlich keinen Chef gibt. Er hat kein Problem damit, wenn sich ständig etwas ändert, denn mit dem Kopf ist er immer auch bei den globalen Problemen. Gemeinsam mit seiner Frau hat er einen afghanischen Jugendlichen als Pflegesohn aufgenommen. Er hat eine eigene Lehmbaufirma und die ansteckende Energie, die es braucht, um ein solches Riesenprojekt wie das Dorf durchzuziehen. Von sich selbst er: "Sich gegen mich zu behaupten ist nicht leicht. Ich will was."

Nun steht er auf der Baustelle neben dem Gewerbegebiet und sagt: "Wir machen die Gegend erst wieder attraktiv. Aber wir waren so naiv, zu glauben, dass das Gewerbe mit uns in guter Nachbarschaft leben will."

"Integration und friedliches Miteinander? Fehlanzeige!"

© Jacobia Dahm für ZEIT ONLINE

Nüchtern gesehen gibt es zwei Probleme mit dem Dorfprojekt: Die Genossenschaft will etwas bauen, das nach dem aktuellen Bebauungsplan aus den Neunzigern so nicht vorgesehen ist. Deshalb muss dieser Plan geändert werden. Das gefällt vor allem denjenigen nicht, die vor Jahrzehnten ihre Häuser in der Annahme kauften oder bauten, sie würden am Ende einer Sackgasse wohnen und nicht neben einer Durchfahrtsstraße zu einem Parkplatz, den die Genossen planen, weil das Dorf selbst autofrei sein soll.

Das zweite Problem: Das Gewerbegebiet nebenan ist zu laut, genauer gesagt, es überschreitet in den Abendstunden den zulässigen Grenzwert von 45 Dezibel um knapp drei Dezibel. Als der Acker noch ein Acker war, hat das niemanden interessiert. Dann kamen die Genossenschafter und störten sich an der lauten Lüftungsanlage des Metallverarbeiters Ceratizit, Prahlers Nachbarn. Der Streit eskalierte so sehr, dass Ceratizit und ein weiteres Unternehmen drohen, ihren Standort zu verlegen. Während sich also die Neubewohner am Lärm des Bestehenden stören, verursachen sie bei den alteingesessenen Anwohnern selbst Ärger.

Es gibt aber noch ein drittes Problem, und das ist bei Weitem das größte: Keiner der Beteiligten sieht die Sache nüchtern.

"Die sagen ja nichts"

Wenn Ralf Prahler aus seinem Bürofenster auf die Baustelle schaut, vorbei an den Blättern seines Ficus, sieht er keine Lösungen für globale Krisen, sondern einen Haufen zugezogener Linker, die Chaos und Unruhe stiften. Prahler, der im Wendland aufwuchs  und in einem kleinen Ort ein paar Kilometer entfernt wohnt, zieht einen Aktenordner aus dem Regal und breitet die Bauunterlagen auf dem Tisch aus. Er spricht so detailliert über Zufahrten, Pultdächer, geltende Bebauungspläne, als sei es sein eigenes Projekt. Er hat Widerspruch gegen die Baugenehmigung eingelegt, deshalb hat er die Akten. "Die sagen ja nichts", schimpft er über die Genossenschafter. "Und wenn, dann ändert es sich sowieso wieder."

Prahler zeigt auf dem Lageplan auf die umliegenden Häuser, hier kennt er die Besitzer des Häuschens, und hier. Das ganze Vorhaben sei ein Betrug an den alteingesessenen Anwohnern. "Die haben sich das vom Munde abgespart", sagt er.

Prahlers Rolle in diesem Konflikt ist nicht unkompliziert. Einerseits sieht er sich als Verteidiger der Anwohner, einige von ihnen haben früher in seinem Betrieb gearbeitet. Noch mehr aber fühlt er sich berufen, für das Gewerbegebiet zu sprechen. Die Firma Ceratizit, um deren Lüftungsanlage der Streit entbrannt ist, tritt kaum in der Öffentlichkeit auf. Der Chef des dritten Betriebes ist ebenfalls eher zurückhaltend. Prahler springt gerne ein und vermischt dabei die Interessen der anderen mit seinen eigenen. Er will bald in Rente gehen und fürchtet, keinen Nachfolger zu finden, wenn die Genossenschaft nebenan verhindert, dass sich die Betriebe weiter vergrößern können.


Den Konflikt zwischen Alten und Neuen gab es im Wendland schon mal. Als in den Achtzigerjahren das Atommülllager geplant wurde und in den Neunzigern die ersten Castortransporte nach Gorleben rollten, kamen Atomkraftgegner und Alternative aus der ganzen Republik ins Wendland. Auf den Schienen brannten Barrikaden, durch die Dorfstraßen fuhren Räumpanzer der Polizei. Aber abends wurde am Lagerfeuer gesungen. Viele der Städter blieben. Und mussten sich in der Folge mit teils konservativen Bauern und altehrwürdigen Familien arrangieren.

Ein Bauwagen am Wohnprojekt © Jacobia Dahm für ZEIT ONLINE

Bis heute gibt es eine starke Alternative Szene im Landkreis Lüchow-Dannenberg. So stark, dass manche sie für den Mainstream halten. "Die alternative Szene ist hier gar nicht alternativ", sagt Hagelstein, "die ist hier normal." Inzwischen sitzen auch Eltern im Stadtrat, die ihre Kinder auf die Walddorfschule schicken, der stellvertretende Bürgermeister betreibt einen Bio-Hofladen. Einmal im Jahr strömen Besucherinnen und Besucher aus Hamburg, anderen Großstädten und dem Umland zur Kulturellen Landpartie ins Wendland, wenn Künstler und alternative Handwerkerinnen ihre Höfe und Ateliers öffnen. Höhepunkt der Woche zwischen Himmelfahrt und Pfingsten ist der Gorleben-Tag, an dem die meisten Künstler und Besucher zu den Atomanlagen ziehen und dort eine große Party feiern. 

"Deshalb kann man so was wie das Dorf hier auch ausprobieren", sagt Hagelstein. Doch bei diesem Ausprobieren zeigt sich, dass der Konflikt zwischen den braven Bürgern und den zugereisten Atomgegnern nur in den Hintergrund gerückt war. Dass die Alternativen zwar laut, aber nicht die Mehrheit sind. Und dass viele Bewohner von Hitzacker vor allem wollen, dass alles bleibt, wie es ist. Mehrere Unterschriftenlisten gegen die Pläne der Genossenschaft kursierten, und in der Kritik mischte sich Misstrauen gegen die Alternativen und Ablehnung der Flüchtlinge. "Integration und friedliches Miteinander? Fehlanzeige!", zitiert die Elbe-Jeetzel-Zeitung einen verärgerten Anwohner, ein anderer fürchte, "dass Randgruppen hierherziehen".

Thomas Hagelstein © Jacobia Dahm für ZEIT ONLINE

Hagelstein lacht trocken, wenn er auf den Vorwurf angesprochen wird, nicht genügend zu informieren. "Wir hatten noch nicht mal die konkreten Pläne, da sind wir hier im Eisregen rumgelaufen und haben Zettel in die Briefkästen gesteckt", sagt er. Nur 17 Leute seien aber zur ersten Veranstaltung im Kulturbahnhof gekommen. Eine Anwohnerin dagegen sagt, dass es nach diesem ersten Flyer keine Infos mehr gegeben habe, sie habe nur noch aus der Presse erfahren, was da nebenan entsteht.

So musste erst der Bürgermeister Hitzackers, Holger Mertins (FDP), zu einem Infoabend einladen, um beide Seiten an einen Tisch zu bekommen. Im März 2017 konnten Nachbarn und Gewerbebetriebe Fragen loswerden. Ein paar hätten Bedenken geäußert, sagt Mertins, doch es sei friedlich gewesen.

Doch das Gespräch hat den Konflikt nicht befriedet. Damals, sagt Prahler, sei noch nicht die Rede davon gewesen, dass die Einfahrt zum Dorf durch das Wohngebiet gelegt wird. Hagelstein sagt: "Das ist nur eine Baustelleneinfahrt, die kommt wieder weg." Und: "Jeder Kritiker hat seinen eigenen Grund, das Projekt scheiße zu finden." Das ist ein Muster in dem Konflikt zwischen Prahler und Hagelstein, das man schon von woanders kennt: Sie sind sich nicht mal über die zu diskutierenden Fakten einig.

Kurz dachte Thomas Hagelstein mal, es gehe voran in der Beziehung mit Prahler. Da hat die Genossenschaft Prahler gefragt, ob sein Betrieb nicht die Metalltreppen und -balkone der Wohnhäuser bauen will. Er könne doch mal ein Angebot schreiben. "Das fand er charmant", sagt Hagelstein. "Na ja", sagt Prahler und verschränkt die Hände über dem Aktenordner vor sich auf dem Tisch, "das Manöver ist ein bisschen durchsichtig gewesen." Seine Firma sei ohnehin zu teuer für die Genossenschaft. Prahler wirkt nicht, als habe er den Auftrag wirklich gewollt. Aber gefragt werden wollte er schon. Viel früher. "Warum sind sie denn nicht gleich zu mir gekommen?"

"Das wird nie befriedet"

© Jacobia Dahm für ZEIT ONLINE

Abends weht ein kühler Wind vom Fluss in die Altstadt, ein alter Mann führt seinen Foxterrier an schwarz-weißem Fachwerk und Blumengärten vorbei. Das Projekt Hitzacker/Dorf kennen hier in der Stadt fast alle. Ein Drittel der Bewohner finde es interessant, ein Drittel halte es für Spinnerei und den übrigen sei es egal, schätzt die Kellnerin der Inselküche, einem Restaurant direkt am Wasser. Sie selbst versteht nicht, dass die Dörfler neben das Gewerbegebiet ziehen und sich dann beschweren, es sei zu laut. "Das wusste man doch vorher." Eine Kopfsteinpflastergasse weiter zupft eine Ladenbesitzerin Unkraut zwischen den Steinen vor dem Schaufenster. "Es gibt hier viele, die alles Neue doof finden", sagt sie.

Es ist abends, kurz vor neun, die Stadtratssitzung ist gerade vorbei. Bürgermeister Mertins sitzt mit seinen beiden Stellvertretern im Restaurant des Parkhotels. Draußen vor dem Hotel weist ein Schild zur Kneippkur, auf der anderen Seite stakst stadteigenes Damwild durch sein Gehege am Wald, drinnen wird das Abendbuffet für die Hotelgäste abgebaut. Mertins zeigt vor sich auf den Tisch, auf Seite zwei der Elbe-Jeetzel-Zeitung, die gerade die aktuellen Einwohnerzahlen veröffentlicht hat. "Immerhin", sagt Mertins und hebt sein Bierglas. "Es gibt Gemeinden im Landkreis Lüchow-Dannenberg, die stärker schrumpfen."

Hitzackers Bürgermeister Holger Mertins (FDP) © Jacobia Dahm für ZEIT ONLINE

Hitzacker ist genau genommen keine Kleinstadt, nicht mal eine kleine Kleinstadt. Das wäre es erst, wenn 5.000 Menschen dort leben würden. Mit seinen 4.900 Einwohnern aber ist Hitzacker eine Landstadt, so definiert es das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung. Was so klingt, als würde es nur geltungssüchtige Lokalpolitiker interessieren, spielt tatsächlich eine gewisse Rolle für die Entwicklung der Stadt.

Die magischen 5.000

"Eine psychologische Grenze" nennt die stellvertretende Bürgermeisterin Julie Wiehler die 5.000-Einwohner-Marke. Aber es geht nicht nur ums Gefühl. Ab 5.000 Einwohnern, sagt Wiehler, würden sich Ketten großer Läden überlegen, Filialen zu eröffnen. Gäbe es mehr Kinder, würden Schulen geöffnet bleiben können, die sonst vielleicht bald schließen müssten. Und schließlich bringen mehr Einwohner auch mehr Steuereinnahmen für das verschuldete Hitzacker. Seit vielen Jahren schon liegt die Stadt immer wieder unter der Zahl, die es offiziell zur Kleinstadt machen würde. 300 neue Bewohner, wie sie durch das Dorf entstünden, könnten den Unterschied machen.

Das Dorf sei ein Glücksfall für die Stadt, sagt deshalb Bürgermeister Mertins. Der Stadtrat setzte sich dafür ein, eins der benötigten Grundstücke verkaufte die Stadt günstig. Als sich der Konflikt mit dem Gewerbegebiet abzeichnete, vermittelte die Stadt. Doch das gestaltet sich schwierig. Denn auch die Stadtverwaltung ist in diesem Konflikt parteiisch. "Wir dachten am Anfang, wir moderieren den Konflikt, dann haben wir festgestellt, wir sitzen mit im Boot", sagt Julie Wiehler. Zum einen, weil einer der stellvertretenden Bürgermeister auch Mitglied der Genossenschaft ist.

Vor allem aber weil die Stadt sich auch eigenes Versagen ankreiden muss. Denn während das Gewerbegebiet in den vergangenen Jahren wuchs und die Firmen nach und nach die Lärmkontingente ausschöpften, achtete niemand in der Verwaltung darauf, was geschehen würde, wenn der Acker nebenan mal bewohnt wäre. Und dass der Bebauungsplan Wohnen und Gewerbe viel zu nah beieinander vorsieht. Jetzt versuchen der Bürgermeister und seine Vertreterinnen, die Fehler ihrer Vorgänger wieder auszubügeln.

"Der Konflikt wird sich reduzieren"

Wenn die Lüftung doch irgendwann etwas leiser über den windigen Hang am Gewerbegebiet dröhnt, wird das vor allem am Stadtrat liegen. Anfang Juni hat er beschlossen, im Rahmen der Wirtschaftsförderung die gesamten Kosten für den Umbau zu übernehmen. "Damit wir da endlich Ruhe reinkriegen", sagt Bürgermeister Mertins. Und damit wieder genug Spielraum ist, dass die Betriebe im Gewerbegebiet sich vergrößern können. Ob sich Ceratizit darauf einlässt, ist noch offen. Fest steht: Wenn das erste Haus fertig gebaut ist, wird wieder gemessen, spätestens dann muss abends der gesetzliche Grenzwert von 45 Dezibel eingehalten werden.

Doch der Konflikt ist vielleicht schon an einer Stelle angekommen, an der er nicht mehr über Verständigung gelöst wird. Das Einzige, worauf man noch hoffen kann, ist, dass er wieder einschläft. Es ist ein sonniger Tag im Mai, und Hagelstein sitzt am Rand des Ackers an einem Biertisch unter jungen Eichen. "Wir hatten am Anfang die Vorstellung, wir kriegen das geheilt", sagt er, aber nun glaube er nicht mehr daran, dass die Firmen ein echtes Interesse an einer Einigung hätten. Hagelstein hat offenkundig keine große Lust mehr, Energie in einen Kompromiss zu stecken. "Der Konflikt wird sich reduzieren", sagt er.

"Heilung kann auch in der nächsten Generation passieren"

Was Hagelstein mit "reduzieren" meint: Fakten schaffen. Die Bauarbeiten an den ersten beiden Häusern laufen. Wenn das Änderungsverfahren des Bebauungsplans abgeschlossen ist, können auch die anderen Häuser genehmigt werden. Der Stadtrat hat schon seine Zustimmung signalisiert. "Prahler hat verstanden, dass er uns nicht mehr wegbekommt." Und wie soll es je zu einer Versöhnung kommen? Hagelstein zuckt mit den Schultern "Heilung kann auch in der nächsten Generation passieren."

Anfang Mai gab es auf der Dorfbaustelle plötzlich einen Stillstand, der Kreisarchäologe war da. Reste einer Langobardensiedlung waren aufgetaucht, nichts Besonderes in Hitzacker, aber der Bauherr muss sie melden. Das hatte die Genossenschaft vergessen, sagt Hagelstein. Prahlers Chance. Als er von seinem Bürofenster aus verdächtige schwarze Flecken im Sand der Baugrube entdeckt, geht er abends hinüber und schießt ein paar Fotos. Die mailt er dann ans Landesamt für Archäologie. Seine Freude ist durchs Telefon zu hören, als er davon erzählt. Eine Woche kostete das, bis alle Funde dokumentiert waren. Prahler hat jetzt Hausverbot bei seinen Nachbarn.

Prahler, das hat er schon angekündigt, will offiziell Bedenken anmelden, wenn der Bebauungsplan nach den Wünschen der Dorfleute geändert wird. Ob es einen Kompromiss zwischen den beiden Lagern geben kann? Prahler schüttelt den Kopf. "Das wird nie befriedet."  


Fotos und 360-Grad-Video: Jacobia Dahm
Fotoredaktion: Michael Pfister
Text: Frida Thurm
Redigatur: Christian Bangel
Videoreportage: Claire Roggan und Antonia Traulsen
Videoredaktion: Ute Brandenburger