Auf dem Spielplatz schaukelt ein Vater seine Kinder auf und ab. Weniger Meter weiter sitzt ein Paar auf einer Bank, umarmt und küsst sich. Und noch ein Stück weiter hat es sich eine Gruppe älterer Männer gemütlich gemacht. Sie teilen sich eine Wassermelone, trinken dazu Fanta, die sie mit Wodka anreichern. Im Gezi-Park im Zentrum von Istanbul scheint an diesem Maitag der hektische Alltag der Metropole weit weg. Doch der Park ist für die Anwohner noch viel mehr als nur ein Ruhepol. Dass der Gezi-Park noch immer existiert, die Bäume immer noch stehen, hat für die Menschen im Viertel eine hochsymbolische Bedeutung.

Im Frühjahr 2013 initiierten Umweltschützer einen Protest, der bald landesweit Hunderttausende Menschen gegen die Regierung von Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan mobilisieren sollte. Im Mai 2013 fuhren Bagger in den Gezi-Park, um eine der letzten Grünflächen im Stadtzentrum abzureißen, dafür sollte ein Einkaufszentrum gebaut werden. Doch die Umweltschützer stoppten die Abrissarbeiten. Erst waren es nur wenige Aktivisten, dann kamen immer mehr Menschen dazu. Zwei Wochen kampierten Männer, Frauen und Jugendliche auf der Grünfläche. Es dauerte nicht lange, bis es um mehr als die Rettung der Bäume ging, um viel mehr.

Ümit Oktay Aymelek war einer der Protestler. Der 34-jährige Dokumentarfilmer sitzt unweit vom Gezi-Park in einem der zahlreichen Cafés an der Istiklal-Straße. "Als ich das erste Mal von den Protesten hörte, fragte ich mich: Wer oder was ist Gezi?", sagt er und lacht. "Selbst alte Istanbuler hatten vorher nie von dem Park gehört. Trotzdem sind wir alle hingegangen, jeder wusste ja, dass es nicht nur um die paar Bäume ging, sondern um Erdoğans Politik." Wie Aymelek protestierten Hunderttausende gegen Eingriffe in ihre Menschenrechte: gegen strengere Alkoholverbote, Zensur im Internet, willkürliche Verhaftungen, aber auch die aggressive Gentrifizierung alter Stadtteile. "Gezi war eine über Jahre angestaute Wut, eine Ansage an die Regierung, dass wir genug hatten", sagt Aymelek.

Auch Musiker, Künstler und Schauspieler schlossen sich den Aktivisten an. Gemeinsam sangen und tanzten sie im Gezi-Park und auf dem angrenzenden Taksim-Platz, einige warfen Rosen auf Polizisten – erst später flogen Steine. Türkische Fußballfans solidarisierten sich mit den Aktivisten, der italienische Musiker Davide Martello spielte mitten auf dem Taksim-Platz Piano.

Es waren aber nicht nur die säkularen Schichten, die sich unter die Teilnehmer mischten. Systemkritische Muslime beteten zwischen den Protestlern. Kurden, Aleviten, Kommunisten, Kemalisten, Nationalisten, Konservative: Menschen, die sich im Alltag nicht viel zu sagen haben, standen plötzlich Seite an Seite. Eine Szene ist Aymelek besonders in Erinnerung geblieben: "Ich traf einen Unterstützer der MHP (rechtsnationalistische Partei, die im Bündnis mit Erdoğan ist, Anm. der Red.) und fragte ihn, was er hier suche. Er sagte, er trinke gerne Bier und demonstriere gegen das Verkaufsverbot von Alkohol nach 22 Uhr. Das war irre!", sagt Aymelek.

Junge und alte Istanbuler ziehen sich in den Park zurück, um zu plaudern oder zu spazieren. © Hasan Gökkaya für ZEIT ONLINE

Mit aller Härte gegen die "çapulcu"

Damals noch Ministerpräsident, ließ sich Erdoğan nach zwei Wochen aber nicht mehr auf Verhandlungen ein, beschimpfte die Demonstranten öffentlich als çapulcu (Plünderer). Am 15. Juni räumte die Polizei den Park. Es folgte eine der größten Auseinandersetzungen zwischen Polizisten und Zivilisten in der jüngeren Geschichte der Türkei. Die Polizei setzte Tränengas ein und jagte in den Seitengassen der Istiklal-Straße den Demonstranten hinterher. Auch in Ankara und anderen Städten kam es zu Aufständen. Landesweit starben zwölf Menschen, 8.000 wurden verletzt – der Gezi-Park ist seitdem ein Symbol des Widerstands gegen Erdoğan und seine islamisch-nationalistische Partei AKP.