Vor der libyschen Küste ist ein Boot mit zahlreichen Flüchtlingen und Migranten gekentert. Unklar war zunächst die Zahl der betroffenen Menschen: Nach unterschiedlichen Medienberichten wurden 14 beziehungsweise 16 Menschen gerettet. Wie Überlebende und die libysche Küstenwache berichteten, befanden sich rund 120 Flüchtlinge auf dem Schlauchboot, das etwa sechs Kilometer von der Küste Libyens entfernt war. 100 Menschen würden vermisst.

Genaue Angaben zur Nationalität der Personen an Bord konnte der Sprecher der libyschen Küstenwache nicht machen. Das Boot sei östlich der Hauptstadt Tripolis gekentert, sagte er. "Wir warten immer noch auf ein Wort über ihr Schicksal von einem Marineschiff in der Gegend." Unklar blieb, wann und von wo das Boot ablegte.

In der vergangenen Woche sind nach Angaben der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen mindestens 220 Menschen im Mittelmeer ertrunken. Es sei die Woche mit den meisten Todesfällen auf dem Mittelmeer in diesem Jahr gewesen.

Libyen will keine Aufnahmelager errichten

Ärzte ohne Grenzen fordert von der EU mehr Anstrengungen, um die Zahl der Todesfälle im Mittelmeer zu reduzieren. Die Organisation kritisierte die jüngsten EU-Beschlüsse zur Asylpolitik. Sie führten dazu, dass Schutzsuchende in Internierungslagern in Libyen festgesetzt und mehr Menschen im Mittelmeer ertrinken würden, hieß es in einer Erklärung. "Die EU-Staaten müssen zur Besinnung kommen. Sie entziehen sich ihrer Verantwortung, Menschenleben zu retten."

Auf einem Gipfel in Brüssel hatten sich die EU-Staaten auf eine Verschärfung in der Asylpolitik geeinigt. Demnach soll die Grenzschutzagentur Frontex gestärkt werden. Auf freiwilliger Basis sollen zudem gemeinsame Asylzentren innerhalb der EU eingerichtet und Aufnahmelager für Flüchtlinge in Drittstaaten geprüft werden.

Libyen hatte bereits vor dem Gipfel abgelehnt, derartige Aufnahmelager zu errichten. Verhandlungsführer des Landes drängen stattdessen auf Alternativen wie Niger oder den Tschad.

In Libyen sind viele illegale Schleuser aktiv, die von dem Staatszerfall nach dem Sturz des langjährigen Machthabers Muammar al-Gaddafi profitieren. Das Land entwickelte sich dadurch zu einem der wichtigsten Ablegeorte für Flüchtlinge, die über das Mittelmeer nach Europa kommen wollen. Die EU versucht seit Langem, Libyen dazu zu bringen, Flüchtlinge und Migranten von der Überfahrt abzuhalten. Allerdings sind die Zustände in Libyen dramatisch: Viele Flüchtlinge berichten, dass sie dort in Lager gesperrt, misshandelt und vergewaltigt worden seien. Auch von Sklavenhandel ist die Rede.