Die dritte Nacht nun lasse ich mich treiben durch Moskau und schaue mir verwirrt das Spektakel an: Kolumbianer tanzen auf der Straße, Argentinier grölen, Mexikanerinnen bequatschen russische Polizisten, mit Sombreros für Fotos zu posieren. Und als zwei Polen nach dem Spiel mit gesenkten Köpfen heimtrotten, tauchen zwei muskulöse Russen auf, umarmen und trösten sie.

In Moskau, normalerweise die Stadt der Hast, bleiben Russen, die ein paar Brocken Englisch können, plötzlich stehen und fragen, ob man helfen könne. Männer pinkeln nachts in die Ecken gegenüber der Geheimdienstzentrale Lubjanka oder klettern auf Denkmäler, weil dort die Fahne schöner weht – und die Polizei, die sonst bei jeder Lappalie einschreitet, schaut zu.

Wer die Verkäuferinnen in den Ticketschaltern der U-Bahn kennt, weiß, dass Freundlichkeit keine Einstellungsvoraussetzung war. Nun lächeln sie und versuchen sich in englischen Grußformeln. In den U-Bahnen, wo es gewöhnlich still und leblos zugeht, reden Menschen plötzlich miteinander oder singen. Die russischen Nationalgardisten, die mir bislang auf Demonstrationen durch ihr rabiates Vorgehen auffielen, fuchteln mit Händen und Füßen, um Briten zu erklären, wo sie umsteigen müssen. Moskau, was ist nur geschehen?

Moskau ist großartig – und zehrend

Seit zweieinhalb Jahren lebe ich in der russischen Hauptstadt, seit einer Woche löst sie in mir kognitive Dissonanz aus. Nicht falsch verstehen: Moskau ist nicht erst vor einer Woche zu einer schillernden, modernen Metropole geworden, die es mit London oder Paris aufnehmen kann. Der neue Glanz ist ein Projekt des Bürgermeisters Sergej Sobjanin, der vor allem in den vergangenen zwei Jahren Tag und Nacht hat bauen, pflanzen, schleifen, verlegen lassen. Sein Modernisierungsfuror bescherte der russischen Sprache ein neues Verb: sobjanit, sobjanieren. Sprich: Moskau zu einem modernen Aushängeschild in einem autoritären System zu machen.

So wurde Moskau für mich die Ja-aber-Stadt: Ja, Moskau ist großartig – aber die Stadt kann unglaublich zehrend sein. Ja, Moskau entwickelt sich atemberaubend schnell, aber die Entwicklung ist skrupellos, oft auf Kosten der Schwachen, wie der unterbezahlten Gastarbeiter, die für die WM selbst nachts Fußwegplatten zuschnitten mit nackten Händen und Flipflops an den Füßen. Ja, Moskau hat großartige Restaurants, aber die russischen Durchschnittsgehälter von ein paar Hundert Euro im Monat erlauben nur den wenigsten regelmäßige Besuche. Ja, die neu gemachten Straßen, die breiten Fußwege, die frisch gepflanzten Linden sind imposant, aber finanziert wird es mit Geld, das in den Regionen für Straßen fehlt. Ja, Moskau ist sehr ordentlich und sehr sicher – aber dank eines Kontroll- und Überwachungseifers, der sich wie ein Schatten auf das tägliche Leben legt.

Und so laufe ich nun durch die Straßen und schaue ungläubig zu, wie eine Stadt, die an zu viel Kontrolle leidet, den Kontrollverlust zelebriert und das Chaos feiert. Die engen Regeln werden gedehnt. Plötzlich wundert sich manch ein Russe, dass so viele Ausländer sich mit ihnen freuen, wenn die russische Mannschaft gewinnt – wo doch angeblich Russophobie die Welt regiert. Plötzlich gerät das innere Suchraster der Polizisten durcheinander, das sonst beharrlich jeden Asiaten, jeden Kaukasier aus der Menge pickt, weil so viele Fremde aus aller Welt da sind. Plötzlich erleben Russen, dass nichts dabei ist, Plakate auf dem Roten Platz auszurollen, denn die Welt geht davon nicht unter. Plötzlich ist Moskau die Stadt, in der es sich mit Leichtigkeit lebt.

Sicher, man soll sich nichts vormachen: Dieses Fest ist so nur möglich, weil es nicht politisch ist. Uruguayer dürften Transparente haben, ohne dass die Polizei sich rührt – aber der Brite, der allein ein kleines Plakat für die Rechte von LGTB ausrollte, wurde sogleich festgenommen. Russland wird nicht über Nacht ein anderes Land werden, diese WM wird dem ukrainischen Regisseur Oleh Senzow nicht die Freiheit bescheren, sie wird nichts daran ändern, dass in Tschetschenien dem Menschenrechtler Ojub Titijew Unrecht widerfährt

Aber dieser freundliche kleine Ausnahmezustand wird womöglich ein paar Fragen aufwerfen. Vielleicht werden die Russen anzweifeln, ob im Westen wirklich so eine Russophobie herrschen kann, wie Politiker sie glauben lassen wollen. Vielleicht werden sich ein paar Menschen mehr darüber wundern, warum Plakate in der Stadt wieder geahndet werden, nur weil sie eine politische Botschaft haben. Vielleicht wird es wirklich nur das sein, was von der WM bleibt – wäre das nicht ein Anfang?