Rassismus ordnet unser Denken und Zusammenleben. Vor einigen Wochen haben wir mit unserer Serie Alltag Rassismus versucht herauszufinden, warum das so ist, was das für die Gesellschaft bedeutet und wie sich das verändern ließe. Durch die Debatte um Mesut Özil und #metwo ist das Thema aktueller denn je. Wir wollen deshalb die wichtisten Folgen der Serie hier noch einmal zeigen. 

Hier beschreibt Hasan Gökkaya, warum es keine Petitesse ist, wenn man am Türsteher nicht vorbeikommt.

Die Warteschlange vor dem Eingang des Clubs wurde kürzer, die Blicke der Türsteher kamen näher. Vor mir hatten sich zehn oder 15 Gäste eingereiht. Sie redeten laut, lachten, einige tranken das Bier noch vor der Eingangstür aus und schmissen die leere Flasche ins Gebüsch. Ich war nicht so locker. Ich war nervös. Bloß nicht abgewiesen werden, wenn mein gesamter Schuljahrgang hier feiern ist, dachte ich. Auf meinem Handy las ich eine SMS, um mich abzulenken: "Alle sind hier. Musst kommen!", schrieb mir ein Mitschüler, der schon drin war.

Es war 2004, ich stand kurz vor den Abiturprüfungen in Bremen. Das stadtbekannte Stubu, kurz für Studentenbude, befand sich am Ende der Bremer Diskomeile. Der Tequila in dem Club schmeckte scheußlich, die Schuhe klebten auf dem Boden und auf der Tanzfläche traf man Bremens größte Proleten. Mir gefiel es, ich war 19.

Wer hatte mit wem getanzt? Wer hatte mit wem geknutscht? In der ersten großen Pause am Montag würden wir Geschichten auspacken, vielleicht auch noch Jahre später bei Klassentreffen, stellte ich mir vor. Meinen Vater hatte ich überredet, mir 50 Euro mitzugeben. Ich war sicher, es würde ein guter Abend werden. Doch mein Endgegner, ein Ende 40-jähriger Mann mit kurzen Haaren, dickem Bauch und schwarzer Jacke, stand noch zwischen mir und der Eingangstür.

Bei der Frage, wer in den Club reindurfte und wer nicht, waren die Türsteher streng, aber durchschaubar: Nur Frauen kamen ohne Probleme rein, selbst minderjährige. Bei Männern wurde ausgesiebt. Deutsche hatten keine Probleme, sie mussten schon stark torkeln, um nicht reingelassen zu werden. Auch Polen und Russen gingen aufgrund ihrer meist hellen Haare als Deutsche durch und kamen rein. Anders war es mit Türken, Arabern, Kurden – also Menschen wie mir. Wir hatten nur dann eine Chance, wenn wir die Türsteher kannten oder irre Glück hatten. Die Clubbetreiber wollten keinen Ärger und die Lösung versprechen sie sich davon, dass sie den meisten Türken, Arabern und Kurden den Eintritt verwehrten.

Ich kannte den Stubu-Türsteher nicht persönlich, also musste ich tricksen. Kurz bevor ich ihm in die Augen schaute, steckte ich meine Hände in die Jeanstaschen, das Hemd hatte ich bis oben zugeknöpft. Ich wollte besonders freundlich aussehen. Meinen damals spärlichen Bart hatte ich abrasiert, obwohl ich ihn gerne trug. Aber ein schwarzer Bart bedeutet Türke und Türke bedeutet Südländer und Südländer bedeutet: Du kommst nicht rein.  

Stammgäste, das waren Björns, Christophers und Maximilians, aber keine Mehmets, Alis und Hakans.

Fünf, vier, drei, zwei eins – die Gäste vor mir gingen rein, dann war ich dran. Der Türsteher sah mich an. Dann schüttelte er den Kopf, als hätte er einen Betrüger entdeckt. "Raus! Raus! Raus!", rief er. "Warum?", fragte ich. "Nur für Stammgäste", antwortete er grob.

Stammgäste, das sah ich beim Verlassen der Schlange, waren Scharen von Erasmus-Studenten. Besucher, die Björn, Christopher und Maximilian hießen, nicht Mehmet, Ali oder Hakan.

...obwohl ich Hasan heiße

Oft habe ich von Lehrern, Mitschülern und später Arbeitskollegen gehört, ich sei Deutscher, obwohl ich Hasan heiße. Vor den Clubtüren wurde mir aber etwas anderes eingetrichtert. Alles sei ich – aber kein Deutscher.

Ich hatte keine Vorstrafen, nie Ärger mit der Polizei, ich sah nicht aus wie ein Schläger. Ich machte Abitur, studierte später wie viele meiner deutschtürkischen Freunde. Aber das zählte nicht. Ob in Bremen, Düsseldorf, München, Passau, Hannover, Hamburg, in all diesen Städten ging es nicht immer, aber allzu oft nur darum, ob wir südländisch aussahen.

Eine Zeit lang versuchten meine deutschtürkischen Freunde und ich nicht einmal mehr, in Clubs zu kommen. Wir wollten uns den Moment ersparen, an dem wir uns umdrehen mussten und der Rest der Schlange uns beobachtete, als seien wir beim Klauen erwischt worden. Also machten wir Schlenker in alternative Kellerclubs, obwohl wir die Musik dort nicht mochten. Manchmal resignierten wir und saßen viel zu früh in der Straßenbahn nach Hause.