Rassismus ordnet unser Denken und Zusammenleben. Mit dem Schwerpunkt Alltag Rassismus wollen wir herausfinden, warum das so ist, was das für die Gesellschaft bedeutet und wie sich das verändern ließe. Den Anfang macht eine ideengeschichtliche Betrachtung.

Es gibt eine Zeichnung aus dem frühen 19. Jahrhundert, die die brasilianische Sklavin Anastácia zeigt. Um den Hals trägt sie einen Metallring wie ein Hundehalsband. Vor ihrem Mund klemmt ein Stück Blech, das von Schnüren über Wangen und Stirn zum Hinterkopf festgebunden ist. Das Blechstück führt weiter in den Mund zwischen Zunge und Kiefer. Es ist die Máscara de flandres, ein Folterinstrument: Es verhinderte, dass Sklaven essen, trinken oder miteinander sprechen konnten.

Mehr als 300 Jahre lang kam diese Maske zum Einsatz. Für die Psychoanalytikerin und Künstlerin Grada Kilomba steht die Máscara de flandres wie kein anderes Symbol für das koloniale Projekt und die Funktionsweise von Rassismus: die Macht auf der einen Seite, die Ohnmacht auf der anderen Seite, und das Schweigen dazwischen. Was hätte sich die weißen Sklavenhalter anhören müssen, wenn die schwarzen Sklaven hätten reden können?  

Schuldgefühle und Scham

Heute sind die Kolonialherren weg, die Sklaven sind frei. Die Masken aber tragen sie bis heute, sagt Kilomba. Die Masken sind nur unsichtbar geworden. Bis heute sind jene, die diese Maske tragen, oft sprach- und machtlos. Weil die anderen, die ihnen die Masken aufsetzen, heute noch Angst vor ihren Worten haben. Und weil sie Schuldgefühle und Scham plagen.

Wenn Menschen mich mögen, sagen sie, sie tun es trotz meiner Farbe. Wenn sie mich nicht mögen, stellen sie heraus, sie tun es nicht wegen meiner Farbe.
Frantz Fanon

Eigentlich soll es keinen Rassismus geben. Das deutsche Grundgesetz und alle anderen liberalen Verfassungen verbieten ihn. "Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Antisemitismus dürfen in Deutschland und auch anderswo keinen Platz haben", sagte die Bundeskanzlerin zum 25. Jahrestag des rassistisch motivierten Brandanschlags in Solingen.

Aber die Realität sieht anders aus. "Wenn Menschen mich mögen, sagen sie, sie tun es trotz meiner Farbe. Wenn sie mich nicht mögen, stellen sie heraus, sie tun es nicht wegen meiner Farbe." So beschrieb es der Theoretiker Frantz Fanon 1952, der in der früheren französischen Kolonie Martinique geboren wurde und als Schwarzer dort trotz rechtlicher Gleichstellung herablassend behandelt wurde. Und so erleben es viele auch heute, auch in Deutschland: Da ist zum Beispiel Amaniel, dessen Kollege ihm Bananen auf seinen Arbeitsplatz legte und dabei Affengeräusche machte, Burak, der viel mehr Bewerbungen schreiben muss als Bernd, oder Ismail, der länger nach einer Wohnung suchen muss als Hanna, und die Polizei kontrolliert einen Pakka häufiger ohne Anlass als einen Paul. 

Rassismus ist die stille, vielleicht wirkmächtigste Ideologie der Menschheitsgeschichte. Wie konnte das passieren?

Biologisch, darüber sind sich Wissenschaftler heute einig, gibt es keine unterschiedlichen, abgrenzbaren Menschenrassen. Das sei vielmehr eine "ideologische Kopfgeburt", schreibt der Soziologe Wulf D. Hund. In die Welt gekommen mit Hilfe kolonialer Gewalt, von der Aufklärung des 18. Jahrhunderts systematisiert und in den falschen Stand eines wissenschaftlich beweisbaren Fakts erhoben.

Jahrhundertelang kamen die Menschen ohne Rassismus aus. Aber das Bedürfnis, sich und die eigene Gruppe aufzuwerten, indem man andere abwertet, das gab es wohl schon immer. Das Wort für "ich" ist in vielen Sprachen identisch mit dem Wort "Mensch". Alle anderen sind in der Sprachlogik nicht mal Menschen. Und seit jeher bekämpften die Menschen einander, Sieger drängten nach Kriegen den Besiegten ihre Kultur auf oder versklavten sie. Doch wer Sieger und wer Verlierer war, darüber entschieden keine körperlichen Unterschiede. Die waren lange unwichtig.

Die Wende kam im Mittelalter

In der europäischen Antike zum Beispiel hatten Menschen Unterschiede in ihrem Teint zwar wahrgenommen, der Unterschied ordnete aber nicht ihr Zusammenleben. Die Grenze verlief laut dem Historiker Christian Geulen anderswo, beispielsweise zwischen Hellenen im griechischen Einflussgebiet und Barbaren jenseits davon. Beide gehörten zur antiken Gesellschaft dazu, auch wenn Aristoteles die Barbaren zu geborenen Knechten erklärte und Alexander der Große meinte, mit Barbaren müsse man umgehen wie mit Tieren. Es waren Vorurteile, aber keine unveränderlichen: Barbaren konnten Hellenen werden, "und weder Aristoteles noch sonst ein Grieche wäre auf die Idee gekommen, dass die Welt ohne Barbaren eine bessere wäre", schreibt Geulen. Ähnlich dachten die Römer, die später hellenische Staaten eroberten.

Das änderte sich auch nicht, als die Römer ihren Machtbereich bis an den Rhein ausdehnten und an dessen Ufern auf die Germanen trafen. Sie unterwarfen die Germanen ebenso wie die Gallier und die Kelten – aber nicht, weil die Germanen sich körperlich von ihnen unterschieden, sondern weil die Römer sie für dumm und unzivilisiert hielten.

Die Wende begann im christlichen Mittelalter. In der aristotelischen Weltordnung war für alle Platz, wenn auch nicht mit den gleichen Rechten. Die Christen des Mittelalters hingegen erhoben erstmals den Anspruch, ihre Religion sei die einzig wahre Religion für alle Menschen. Wer nicht dazugehören wollte, wurde verteufelt und drohte aus Sicht der Christen die eigene Gruppe zu unterwandern und damit zu zerstören. Augustinus und andere Gelehrte und Scholastiker gaben dem neuen Gedanken ein theologisches Fundament. Das bis dahin selbstverständliche Zusammenleben verschiedener Gruppen erklärten sie zur Gefahr.

Frage nach dem reinen Blut

Dieser Gedanke war wichtig für das, was sich ab der Neuzeit zu einer Ideologie namens Rassismus entwickeln sollte. Hier entstehen die Versuche, einen essenziellen Unterschied zwischen sich und den vermeintlich ganz anderen herzustellen, um die eigene Überlegenheit zu begründen und daraus einen alleinigen Anspruch auf Macht und Ressourcen abzuleiten.

Ein Jahr sticht dabei besonders heraus: 1492. Das Alhambra-Edikt ordnete die Zwangsbekehrung der Juden aus dem heutigen spanischen Gebiet an. Damit schlossen die Christen die Reconquista ab, die Rückeroberung des Landes, in dem zuvor jahrhundertelang Christen, Juden und Muslime weitgehend friedlich zusammengelebt hatten.

Allerdings trauten die Christen ihren eigenen Regeln nicht, zu groß war die inzwischen theologisch begründete Angst vor Fremdkörpern. Sie verdächtigten die übergetretenen Juden, nur oberflächlich zum Christentum konvertiert zu sein und insgeheim ihr Judentum weiterzuleben. Taufe und Glaubensbekenntnis allein galten nicht mehr. Aus der Frage nach dem "reinen Glauben" wurde eine Frage nach der "Reinheit des Blutes", der limpieza de sangre. Der Verdacht des unreinen Blutes konnte jeden treffen, von der Landbevölkerung bis zum Adel. Die Folge war häufig Vernichtung auf dem Scheiterhaufen. In dieser Zeit tauchte auch erstmals der Begriff Rasse auf. Er diente zur Aufspürung zu bekehrender Gruppen.

Vielfalt als Bedrohung

Was in Spanien begann, setzte sich überall in Europa und mit der europäischen Expansion fort. Spanien war zu der Zeit mit drei Weltreligionen und großen Seefahrten ein bedeutendes Zentrum und trug seine Ideen bereitwillig nach außen. Umgekehrt interessierten sich andere Länder für spanische Strategien. Europa sortierte sich gerade neu, die Kirche brach auseinander. Da wollte man wissen, wie die Spanier inmitten des Chaos vorgingen. Und dort galt Vielfalt als Bedrohung für das eigene Überleben – umso mehr, als die Spanier nach der Weltumrundung von Ferdinand Magellan im 16. Jahrhundert verstanden hatten, dass die Erde eine Kugel war, auf der es nur begrenzt Platz gab. Sie mussten den Planeten teilen – und wollten es nicht.

Da kam ihnen die reifende Vorstellung von unterschiedlichen Menschenrassen gerade recht. Mit der Idee konnten sie zu Hause die brutalen Annexionen, die Sklaverei und die Ausbeutung in anderen Teilen der Welt rechtfertigen. Bald galten die vermeintlich rassisch Anderen nicht nur als unrein und gefährlich, sondern auch noch als faul und triebgesteuert. Den Anderen, vor allem den schwarzen Versklavten, wurde alles unterstellt, was man selbst auf keinen Fall sein wollte oder durfte. Karikaturen und erfundene Geschichten über Kannibalen schmückten dieses Bild aus. Die eigentliche Rassenlehre wurde zwar erst später ausformuliert, aber ihre Grundzüge legitimierten schon damals ein hocheffizientes Herrschaftssystem mit weltweitem Sklavenhandel.

Die Suche nach etwas, das es nicht geben konnte

Die Vorstellung, dass die Anderen fundamental anders seien als man selbst, sickerte so tief ins Bewusstsein, dass einige Europäer es gar als ihre moralische Pflicht sahen, die Versklavten zu erziehen und zu zivilisieren. Wieder andere begannen damit, die vermeintlich Primitiven zu erforschen. Es war der Beginn der Völkerkunde. Nicht selten forschten die Völkerkundler im Auftrag der Kolonialherren, die ihr Einflussgebiet besser verstehen wollten, um die Menschen darin effizienter zu unterwerfen.

Im 18. Jahrhundert kamen die Aufklärer und forderten Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit für alle Menschen. Dem frühen Rassismus tat das keinen Abbruch. Vielmehr begann die Suche nach etwas, das es nicht geben konnte: wissenschaftliche Beweise für die Existenz und Ungleichheit der Rassen.

Die Suche begann bei Äußerlichkeiten. "Die Menschheit ist in ihrer größten Vollkommenheit in der Rasse der Weißen", sagte der Philosoph Immanuel Kant. "Die Gelben" hätten schon ein geringeres Talent und die Schwarzen hätten "von der Natur kein Gefühl, welches über das Läppische stiege". Einige glaubten, im Klima die Erklärung gefunden zu haben: Das gemäßigte europäische Klima begünstige die Entstehung von Hochkulturen, während Hitze die Leute faul mache und Kälte herzlos. Andere schufen die Figur des edlen Wilden, die in einer Art natürlichen Urzustand lebt. Im Gegensatz dazu seien Europäer moralisch verkommen. Später begannen Anthropologen, den Unterschied an Körpern beweisen zu wollen. Schädel, Kiefer, Nasenform – alles kam unter die Lineale der Forscher und in lange Tabellen, die später in den Lehrbüchern des Nationalsozialismus landen sollten. 

Die Menschheit ist in ihrer größten Vollkommenheit in der Rasse der Weißen.
Immanuel Kant

Dass keine dieser Beweisführungen haltbar war, hielt die Nutznießer der Forschung zu keiner Zeit davon ab, sie zu glauben. Was nicht passte, wurde passend gemacht, Abweichungen einfach weggelassen. Und wenn man, wie bei Juden, im Alltag und äußerlich kaum Unterschiede ausmachen konnte, verpasste man ihnen auf NS-Propagandazeichnungen Hakennasen und grimmige Gesichter und ab 1939 im echten Leben Judensterne. Damit sie eben doch äußerlich unterscheidbar waren.

Neue Begehrlichkeiten weckte die Entdeckung der Gene, der Blick ins Innerste des Menschen: Vielleicht ließe sich hier, in den kleinsten Bauteilen, ein unwiderlegbarer Rassenunterschied beweisen? Die Paranoia der spanischen Reconquista ist so bis heute lebendig. In ihrer extremsten Form führt sie zur "sozialen Hypochondrie", wie es der französische Psychoanalytiker und Anthropologe Pierre-Yves Gaudard nennt: zu einer tiefsitzenden Angst, dass sich die Eigenschaften der anderen, schlechteren Rassen irgendwie übertragen könnten. So erklärt er sich die Wucht des Rassismus des 20. Jahrhunderts, der zu Völkermorden an Millionen von Juden, Roma, Sinti, Schwarzen und vielen mehr führte.

Dabei brachte auch die Genetik nicht die erhoffte Bestätigung für die Vorurteile, das menschliche Genom erwies sich als zu komplex. Menschen sind schon immer und überall von einem Erdteil in den nächsten gewandert und haben Kinder mit Menschen anderer Gruppen gezeugt. Diese Vielfalt spiegelt sich in der DNA der Nachfahren wieder. Würde man die DNA all jener Menschen vergleichen, die Weiße als Schwarze bezeichnen oder die sich selbst so bezeichnen, dann könnte man keine signifikanten Unterschiede zu beispielsweise Weißen oder Asiaten feststellen. Trotzdem haben die Menschen gelernt, eine Handvoll äußerer Merkmale zur Erkennung und Kategorisierung zu bevorzugen und andere zu vernachlässigen, zum Beispiel Fußform oder Stimmlage.

Rassismus kann überwunden werden

Rassismus war und bleibt eine Ideologie. Eine von der Gesellschaft antrainierte Sicht auf die Welt. Seit Jahrhunderten gibt es die Ideologie, dass fundamentale Unterschiede zwischen Menschen den Status in der Welt begründen. Diese Unterschiede werden mal an Äußerlichkeiten, mal am Blut oder an den Genen festgemacht, auch an der vermeintlichen Herkunft, Kultur oder Religion. Die Folge bleibt dieselbe wie im Mittelalter: Die Anderen gefährden die eigene Gruppe und sollen weg.

Am Ende ist es also die Suche nach den Unterschieden selbst, die Rassismus begründet. Der Wille, eine Ungleichheit sehen zu wollen, die die eigene Gruppe unveränderlich über die andere Gruppe stellt. Eigentlich ging es immer um Macht und ihren Missbrauch. Geld, Arbeit, Wohnraum, kulturelle und politische Teilhabe sind wertvoll. Rassismus entscheidet mit darüber, wer was davon bekommen soll.

Daraus folgt aber auch: Rassismus ist kein menschlicher Defekt, keine unheilbare Krankheit. Er ist eine Erfindung der Menschen. Deshalb kann er auch von Menschen überwunden werden.