Rassismus ordnet unser Denken und Zusammenleben. Mit der Serie "Alltag Rassismus" wollen wir herausfinden, warum das so ist, was das für die Gesellschaft bedeutet und wie sich das verändern ließe. Mit einem Besuch bei der Rentnerin Do Mui wollen wir herausfinden, welche Folgen ein rassistisches Verbrechen auch noch Jahrzehnte später haben kann.

Wer sich in Do Muis Wohnung umblickt, sieht an fast jeder Wand Fotos von ihrem Sohn Do Anh Lan. Im hölzernen Wandschrank über dem Flachbildfernseher hat die Rentnerin ein Schwarz-Weiß-Porträt aufgestellt und links auf dem Familienaltar ein verblasstes Ganzkörperfoto: Sonnenbrille, Jeanshemd, Hände lässig auf die Hüften gestützt. Vor dem Foto: frisches Obst, Kekse und erloschene Räucherstäbchen. Do Anh Lan lebt nicht mehr, er starb vor 38 Jahren.

1980 wurden er und Zimmernachbar Nguyen Ngoc Chau Opfer eines Brandanschlags auf ihr Flüchtlingsheim. Es ist der erste dokumentierte rassistische Mord durch Deutsche an Ausländern in der Bundesrepublik nach 1945. Und Do Muis von Räucherstäbchenrauch vergilbtes Wohnzimmer ist der einzige Ort, der an den jungen Mann erinnert.

Am 21. August 1980 waren Heinz Colditz, Sibylle Vorderbrügge und Raymund Hörnle mit dem Auto nach Hamburg gefahren. Die drei hatten sich in der Arztpraxis von Colditz kennengelernt, sie waren gut in der rechtsextremen Szene vernetzt und zählten sich zur Terrorzelle Deutsche Aktionsgruppe. Nun waren sie auf Deutschlandtour. 

An einer Tankstelle kauften sie eine Zeitung, das Hamburger Abendblatt. Einer der Artikel beschrieb, wie sich einige Hamburger ärgerten über die Umsiedlung von 29 Asylbewerbern aus einem Heim in Fulda nach Hamburg. Der Sprecher des SPD-geführten Senats, Manfred Bissinger, sprach von einem "unmöglichen und auf Dauer unerträglichen Zustand". Die Stadt sei "schon mit 9.000 Asylbewerbern überlastet", stand dort weiter. Weil es nicht genug Einrichtungen für die Flüchtlinge gab, bezögen einige "auf Staatskosten in Hotels und Pensionen Quartier". Am Ende des Artikels stand auch die Adresse der provisorischen Unterkunft: Halskestraße. 

Am nächsten Abend fuhren Colditz, Vorderbrügge und Hörnle mit drei Einliterflaschen voll Benzin und Putzwolle hin. Die brennenden Flaschen trafen das Zimmer von Nguyen Ngoc Chau und Do Anh Lan, die jungen Männer schliefen bereits. Nguyen Ngoc Chau stirbt noch am nächsten Morgen, Do Anh Lan erliegt seinen Verbrennungen neun Tage später im Krankenhaus. Am Morgen nach dem Anschlag steht auf der Fassade der Unterkunft in roter Farbe: "Ausländer raus!"

Mein Sohn dachte, er sei in Deutschland sicher vor Bomben – und dann töteten sie ihn in Deutschland mit einer Bombe?
Do Mui

Do Mui erfuhr erst Wochen später vom Tod ihres damals 18-jährigen Sohnes. Er war wie Hunderttausende andere Menschen aus Südvietnam nach dem Krieg 1978 mit einem Boot aufs offene Meer geflohen – in der Hoffnung, dass vorbeiziehende Schiffe sie sehen und retten würden. Die meisten starben auf der Flucht, Do Anh Lan hatte Glück. Ein Schiff brachte ihn auf die malaysische Insel Pulau Bidong, von dort aus kam er dank eines Hilfsprogramms nach Deutschland. Das Land nahm die sogenannten Boatpeople wohlwollend auf. Auch ZEIT-Reporter waren vor Ort, sie beschrieben ihn kurz nach seiner Ankunft als "verhaltensgestörten, alleinstehenden Jugendlichen", wenig später als "den Junge mit der tonlos leiernden Stimme", aber "wachen Augen und völlig normaler Sprache". In Hamburg fand Do Anh Lan Paten, beziehungsweise fanden Heribert und Gisela von Goldammer ihn. Das Ehepaar hatte in der Zeitung von den ankommenden vietnamesischen Flüchtlingen gelesen und wollte helfen. Für die Mutter Do Mui, die in Saigon zurückgeblieben war, stellten die Goldammers einen Antrag auf Familiennachzug. Mui wartete auf positive Nachrichten aus Deutschland, auf die Erlaubnis, zu ihrem Sohn zu kommen.

Aber sie sollte ihn nicht mehr wiedersehen. "Freunde hatten mir einen Zeitungsartikel zum Brandanschlag vorgelesen", erinnert sich Do Mui, die zur chinesischen Minderheit gehört und die vietnamesische Schrift nicht beherrscht. Verstanden hatte sie die Nachricht trotzdem nicht. "Mein Sohn dachte, er sei in Deutschland sicher vor Bomben", sagt sie. Deutschland malten sie sich als ein Land aus, in dem er ein gutes, friedliches Leben führen könnte, und sie eines Tages vielleicht auch. "Und dann töteten sie ihn in Deutschland mit einer Bombe?" Nach der Nachricht wollte sie auch sterben. Stattdessen weinte sie.