Die Schulzeit bringt Erniedrigungen mit sich. Das ist eine Erfahrung, die jeder Aufwachsende wieder neu für sich machen wird. Man kann es den Schülern leichter oder schwerer machen, ersparen wird man es ihnen nie. Der eine kann im Mathe-Unterricht an der Tafel vor lauter Panik die simpelsten Aufgaben nicht lösen. Andere müssen immer allein auf dem Pausenhof stehen. Die Erniedrigung kann viele Formen annehmen. Für mich war es der Schwimmunterricht.

Schwimmen war mein Angstfach. Nicht etwa, weil ich nicht schwimmen konnte. Nein, weil ich keine Brüste hatte. Noch nicht mal einen Ansatz. Ich war elf Jahre alt, meine Klassenkameradinnen posierten in wohl gefüllten Bikini-Oberteilen, an mir schlabberte ein grüner Badeanzug. Die Jungs machten sich über mich lustig. Ich bekam den Spitznamen "Erbse" – man kann sich denken, warum.

Ich hätte sofort zugegriffen

In Herne verleiht ein Gymnasium seit geraumer Zeit kostenlos Burkinis an seine Schüler. Hätte es die damals schon gegeben, ich hätte sofort zu gegriffen. Was für eine Befreiung vom Voyeurismus!

Komischerweise findet die Idee in der Öffentlichkeit vor allem Kritiker. Die stellvertretende CDU-Bundesvorsitzende Julia Klöckner sagt, der Verleih von Burkinis sei ein "Einknicken vor fundamentalistischen Elternhäusern – ein Einknicken auf dem Rücken der Mädchen". Gerade in Schulen müssten Mädchen und Jungen "in einem gesunden Geschlechterbild und dem Gefühl der Gleichwertigkeit bestärkt werden".

Ein gesundes Geschlechterbild entwickelt sich also, wenn Mädchen Bikinis tragen? Der Zwang zu viel Haut sorgt für möglichst viel Natürlichkeit? Was für ein Verständnis von Geschlechterrollen soll das sein? Und was das Gefühl der Gleichwertigkeit angeht: Klöckner war offensichtlich nie ein halbnacktes elfjähriges Mädchen, das von Jungs in klobigen, alles bedeckenden Boxershorts begutachtet wurde.

Die Hälfte der Zehnjährigen kann nicht richtig schwimmen

Franziska Giffey hat bereits am Sonntag auf einer Veranstaltung der ZEIT etwas Kluges zu der Debatte bemerkt: "Das Wichtigste ist ja das Wohl der Kinder, und das heißt nun mal, dass alle Schwimmen lernen", sagte sie.

Laut aktuellen Zahlen kann die Hälfte der heute zehn Jahre alten Kinder nicht sicher schwimmen. Ein Ausflug mit der Klasse ins Freibad bedroht ihr Leben, auch Klassenfahrten ans Meer oder an Seen sind nicht drin. In Herne lernen die Mädchen nun schwimmen. Das gibt ihnen mehr Freiheit. Mehr Kompetenzen. Mehr Teilhabe. Ein weiterer Schritt in Richtung Emanzipation.

Es gibt eine Reihe von Gründen, warum Mädchen Kopftücher tragen. Religion ist einer davon, das Elternhaus sicher ein anderer, Mode spielt auch eine Rolle. Der Burkini ist nur die chlorwassergetränkte Variante des Kopftuchs. Wer den Stoff zum reinen Ausdruck von Unterdrückung und sexistischer Strukturen erklärt, der löst das Problem sicher nicht, wenn er den Burkini ächtet und es seinen Trägerinnen schwer macht. Freiheit wird nicht erlernt, indem man Unfreiheit verbietet. Sie wird dadurch auch für niemanden attraktiver.

Vielleicht ist die Lösung ja ein Kompromiss: Burkinis für alle. Dann werden weder religiöse noch exhibitionistische Gefühle zu sehr gekränkt. Das würde auch anderen Menschen zugutekommen, die ihren Körper nicht gerne präsentieren. Ja, so einfach ist es eigentlich: Lasst die Schülerinnen die Badekleidung anziehen, die für sie passt.