Sabine Andresen ist Vorsitzende der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs. Seit 2016 hat die Kommission 65 Missbrauchsfälle in Pfarrhäusern, Heimen, Gemeinden, Internaten untersucht. Am Mittwoch wurden die Ergebnisse vorgestellt. 

ZEIT ONLINE: Frau Andresen, Sie haben soeben eine Fallstudie über Missbrauch in Pfarrhäusern, Gemeinden, kirchlichen Heimen und Internaten vorgelegt. Grundlage dafür sind die Berichte von Betroffenen, die sich an die Kommission gewandt haben. Warum befasst sich Ihre Kommission eigens mit den Kirchen?

Sabine Andresen: Die Kirchen wirken in alle Bereiche unserer Gesellschaft hinein und ganz besonders dort, wo es um soziale Aufgaben geht: um Hilfe für Menschen, die bedürftig und verletzlich sind. Die Weigerung der Kirchen, Kindesmissbrauch gründlich aufzuarbeiten, der oft abwertende Umgang mit Betroffenen, das bloße Versetzen von Tätern ist deshalb keine innerkirchliche Angelegenheit.

ZEIT ONLINE: Seit 2010 haben die Kirchen sich immer wieder zu einer ehrlichen Aufarbeitung verpflichtet. Damals hatte der Jesuitenpater und Schulleiter Klaus Mertes zahlreiche Missbrauchsfälle in seiner eigenen Institution offengelegt. Wie lautet nun Ihre Bilanz?

Andresen: Ich glaube, es ist bei den Kirchen noch immer nicht richtig angekommen, dass sexueller Missbrauch in kirchlichen Einrichtungen von gesamtgesellschaftlichem Interesse ist. Mag sein, dass unsere Gesellschaft sich als säkularisiert wahrnimmt. Aber die Kirchen nehmen so viele pädagogische und soziale Aufgaben gegenüber Kindern und Jugendlichen wahr, dass wir alle ein Anrecht haben, zu wissen, ob sie auch ausreichend Sorge dafür tragen, früheren Missbrauch aufzuklären und künftigen zu verhindern. Kurzum: Die Kirchen haben eine Auskunfts- und Aufarbeitungspflicht. Besonders wichtig ist es, dass sie Betroffenen auf Augenhöhe begegnen.

Besondere Sensibilität zu fordern, ist nicht kirchenfeindlich.

ZEIT ONLINE: Es gab seit 2010 immer wieder Bischöfe, die beklagten, dass Kindesmissbrauch in der Kirche von den Medien skandalisiert würde, obwohl die Fallzahlen prozentual weitaus geringer sind als etwa bei Missbrauch in Familien. Folgen Sie dieser Argumentation?

Andresen: Nein. Kirchen beanspruchen für sich eine Vorbildfunktion und sie werden als moralische Autorität wahrgenommen. Diesen Ansprüchen werden sie im Umgang mit Betroffenen und bei der Aufarbeitung bislang nicht gerecht.

ZEIT ONLINE: In Ihrer Fallstudie, die Sie am Mittwoch in Berlin vorgestellt haben, kommen zwei Drittel der Betroffenen aus einem katholischen Kontext, ein Drittel kommt aus einem evangelischen. Zugleich gibt es eine signifikant unterschiedliche "Geschlechterverteilung": Während beim Missbrauch in der Institution Kirche 57 Prozent der Opfer männlich und 43 Prozent weiblich sind, sind bei Missbrauch innerhalb der Familie die weitaus meisten Opfer weiblich, nämlich circa 80 Prozent. Welche Auffälligkeiten gibt es noch?

Andresen: Das Alter, in dem Kinder besonders missbrauchsgefährdet sind, hängt auch von den kirchlichen Tatkontexten ab. In katholischen Gemeinden liegt es im Durchschnitt bei neun Jahren, in evangelischen Gemeinden bei zwölf Jahren. Das liegt an den Riten der Kommunion und der Konfirmation, in denen die Kinder- und Jugendarbeit besonders intensiv ist. Wenn man sich das klar macht, dann weiß man, die Kirchen müssen ihre Präventionsarbeit in genau diesen Phasen intensivieren.

ZEIT ONLINE: Ist es kirchenfeindlich, wenn Kirchenmitglieder sich über sexualisierte Gewalt durch Pfarrer oder Bischöfe besonders empören?

Andresen: Von den Kirchen eine besondere Sensibilität für die Aufarbeitung zu fordern, ist nicht kirchenfeindlich. Im Gegenteil. Ich würde dieses Abwehrargument umdrehen und sagen: Es ist kirchenfreundlich, auch weiterhin an eine besondere Verantwortung der Kirchen zu glauben und an diese zu appellieren, wo immer die Kirche selbst Menschen ausnutzt, entrechtet, entwürdigt, verletzt.

Tatort Pfarrhaus

ZEIT ONLINE: Die Fallstudie hebt die Tatorte evangelisches Pfarrhaus und katholisches Heim besonders hervor. Warum?

Andresen: Das katholische Heim und das evangelische Pfarrhaus sind sehr prekäre Tatorte. Warum? Wenn missbrauchte Kinder den Täter gut kennen, wird es für sie besonders schwer, sein Geheimnis zu brechen. Schon wenn sie in der Familie missbraucht werden, denken sie häufig, das sei normal, obwohl sie extrem unglücklich sind und leiden.

Wenn nun aber hinzukommt, dass der Täter auch noch der Pfarrer oder Heimerzieher ist, mit seinem besonderen Status, dann potenziert sich das Schweigegebot. Die Kinder und Jugendlichen sehen dann keine erwachsene Person, an die sie sich wenden könnten. Die Beschämung, die Schuldgefühle und die Auswegslosigkeit, die die Betroffenen empfinden, wirken sehr lange Zeit.  

ZEIT ONLINE: Warum wurde betroffenen Erwachsenen so oft nicht geglaubt  – und betroffenen Kindern noch weniger?

Andresen: Bis heute gibt es den Reflex, dass Funktionsträger in der Kirche ihre Institution und ihren Arbeitskontext schützen, statt die Betroffenen zu unterstützen. Es gibt in den Kirchen immer noch ein Überlegenheitsgefühl, das das Eingestehen von Fehlern verhindert. Im Rückblick auf die Fünfziger- und Sechzigerjahre zeigt sich außerdem, dass die Gewalt in der Heimerziehung auch darauf beruhte, dass man bestimmte Kinder als zweitklassig ansah. Kinder von Alleinerziehenden, Kinder von Arbeitslosen, Kinder von Alkoholikern wurden nicht würdevoll behandelt. Das finde ich besonders erschütternd.

Heute mangelt es den Kirchen oft an der professionellen Fähigkeit, eigenes Versagen selbstkritisch zu reflektieren. Einsicht in die eigene Schuld wird in beiden Kirchen auch durch aufwendige bürokratische Abläufe erschwert. Die Bürokratie ist zugleich eine Hürde für die Betroffenen, die sich oft als Bittsteller fühlen müssen, obwohl sie einen Anspruch auf Unterstützung und Hilfe haben.

ZEIT ONLINE: In der Medienberichterstattung fällt auf, dass bei sexuellem Missbrauch, anders als bei anderen Verbrechen, oft nicht benannt wird, was der Täter nun getan hat. Ist das gut? Perpetuiert sich so nicht ein falsches, verschämtes Schweigen?

Andresen: Es bleibt ein Balanceakt der Aufarbeitung, die richtige Sprache zu finden, die die Taten klar benennt, aber nicht zum Voyeurismus einlädt. Bei Anhörungen gehen Betroffene sprachlich sehr unterschiedlich mit der Gewalt um. Manche wollen sie sehr explizit machen, andere testen vorsichtig aus, was das Gegenüber zu hören bereit ist. Was nicht sein darf: dass wir durch unklare Begriffe wie "begrapschen" zur Bagatellisierung sexualisierter Gewalt beitragen.

ZEIT ONLINE: Würden Sie uns sagen, mit welchen Taten Ihre Kommission konfrontiert war?

Andresen: Mit allen Formen sexualisierter Gewalt. Penetrieren eines Mädchens mit der Hand. Anales Penetrieren eines Jungen. Orales Befriedigen des Täters. Es gibt Vergewaltigung ebenso wie das Anschauen von Pornofilmen. Es gibt auch einzelne Fälle von rituellem Missbrauch. Und es geht um den massiven psychischen Druck, der dabei von kirchlichen Tätern ausgeübt wird. Sie drohen tatsächlich, Gott werde das Kind strafen, wenn es nicht über sein Leid schweige. Gott werde traurig sein oder die Mutter werde es nicht mehr lieben, wenn es den Pfarrer anschwärze. Das ist ganz furchtbar. Es gibt eine geistliche Dimension des Missbrauchs, die die Kirchen wirklich aufarbeiten müssen.

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