Nach dem gewaltsamen Tod von Susanna F. aus Mainz häufen sich Vorwürfe gegen die Sicherheitsbehörden. CDU-Innenpolitiker Armin Schuster fragte beispielsweise, warum der Tatverdächtige Ali B. "nicht längst in Untersuchungshaft war". Burkhard Lischka, innenpolitischer Sprecher der SPD, behauptete, bei "solch fragwürdigen Papieren", wie im Fall des Tatverdächtigen, "und angesichts des Reiseziels hätte die Bundespolizei mit einem einfachen Fingerabdruckvergleich feststellen können, dass hier ein Krimineller auf der Flucht ist". Alexander Graf Lambsdorff von der FDP verstieg sich zum Vorwurf: "Das ist typisch für unsere deutschen Sicherheitsbehörden. Es gibt einfach zu viele Lücken in diesem System."

Haben die Polizeien in Mainz und Wiesbaden, die Staatsanwaltschaft dort und die Bundespolizei am Flughafen in Düsseldorf also tatsächlich Fehler gemacht?

Was ist genau geschehen?

Bislang stellt sich der Fall Susanna F. so dar:

Am 22. Mai, einem Dienstag, kam Susanna nicht nach Hause. Ihre Mutter machte sich Sorgen und ging am Tag darauf zur Polizei. Sie sagte, dass sich Susanna oft in Wiesbaden aufhalte. Mainz und Wiesbaden liegen nur wenige Kilometer voneinander entfernt auf beiden Seiten des Rheins, der hier die Landesgrenze zwischen Rheinland-Pfalz und Hessen bildet. Die Beamten aus Mainz hätten deshalb Kontakt zu ihren Wiesbadener Kollegen aufgenommen, sagte Stefan Müller, Polizeipräsident für Westhessen, am Donnerstag. Offenbar suchten Polizisten an Orten, an denen sich Susanna häufiger aufgehalten hatte.

Mit welcher Intensität sie das taten, ist unklar. Bekannt sei gewesen, dass Susanna im Februar die Schule geschwänzt habe und "öfter abgängig" gewesen sei. "Insoweit war es kein einfacher Vermisstenfall", sagte Polizeipräsident Müller. Der Wiesbadener Oberstaatsanwalt Oliver Kuhn sagte ZEIT ONLINE, die Mainzer Polizei habe den Vermisstenfall korrekt bearbeitet. "Ich kann keine Lücken erkennen."

Niemand wusste zu diesem Zeitpunkt, dass Susanna schon am 22. Mai getötet worden war.

Eine Woche später, am 29. Mai, erzählte eine Bekannte von Susanna ihrer Mutter, das vermisste Mädchen sei tot und liege neben den Bahngleisen in Wiesbaden-Erbenheim begraben. Woher diese Bekannte das gewusst haben will, ist nicht bekannt. Die Mutter informierte sogleich die Polizei in Mainz und in Wiesbaden.

"Kein kriminalistischer Anpacker"

Am folgenden Tag, einem Mittwoch, übernahm das Polizeipräsidium Wiesbaden den Vermisstenfall von den Mainzer Kollegen, weil es nun Hinweise auf ein Verbrechen gab. "An diesem Tag werden technische Maßnahmen veranlasst", sagte Müller. Das Telefon von Susanna wurde geortet und überwacht, Verkehrsdaten wurden abgefragt. Außerdem befragten Polizisten Personen, die mit Susanna in Kontakt gestanden hatten, sowohl in verschiedenen Asylbewerberunterkünften als auch an Privatadressen.

Die Bekannte des Mädchens, die der Mutter den Hinweis gegeben hatte, sei jedoch auf Kurzurlaub und für die Polizei unerreichbar gewesen, sagte Müller. Trotzdem habe man Polizeihubschrauber über den mutmaßlichen Tatort fliegen lassen und die Stelle untersucht. "In dieser Phase von Mittwoch bis Samstag haben wir zwar relativ viel gemacht, aber keinen kriminalistischen Anpacker gefunden", sagte Müller.

Während die Polizei also noch nach der vermissten Susanna suchte, machte sich der mutmaßliche Täter Ali B. mit seinen Eltern und fünf Geschwistern auf und verließ Deutschland.

Die Familie war im Sommer 2015 über die Route Irak-Türkei-Griechenland gekommen und am 16. Oktober nach Deutschland eingereist. Am 13. Januar 2016 wurde sie in Wiesbaden untergebracht. Acht Monate später, am 27. September, stellte die Familie einen Asylantrag auf "subsidiären Schutz" und wurde kurz darauf zu einer Anhörung ins Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) eingeladen. Im Dezember lehnte das Bamf den Antrag ab. Die Familie klagte im Januar gegen diesen Entscheid und durfte deshalb für die Dauer des Gerichtsverfahrens in Wiesbaden bleiben.