Die Baptistenkirche, ein paar Tage später. Kamouss' Gemeinde hat noch kein eigenes Gebäude, in der Zwischenzeit kann sie tageweise die Kirche nutzen. Es ist 21:30 Uhr, Zeit für das Abendgebet. Etwa hundert Männer haben sich in zwei Reihen aufgestellt, den Blick zur Wand, nach Mekka. Neben ihnen, auf einem Podest, 20 Frauen, Kopftücher bedecken ihr Haar. Kamouss tritt vor die erste Männerreihe.

In seiner Predigt preist er die Vorzüge der Demokratie. "Kennt ihr das?", fragt Kamouss seine Schüler. "Ihr hört jemandem zu und denkt: 'Er hat Recht.' Und dann hört ihr jemand anderem zu und denkt: 'Der hat aber auch Recht.' Ist das nicht toll? Dieser Austausch?"

Inzwischen ist Kamouss 41. Den Bart hat er gestutzt, erste Falten ziehen sich über die Stirn. Er redet immer noch schnell, gestikuliert mit den Armen. Das Theatralische aber, das Mystisch-Dunkle, ist aus seinen Predigten gewichen.

Seiner Autorität hat das keinen Abbruch getan. Wer Kamouss länger begleitet, wer sieht, wie er Aufgaben an sein Team delegiert, der erlebt einen freundlichen, zugewandten Mann. Einen, der gar nicht laut werden muss, um zu bekommen, was er will. Vielleicht, weil er es gewohnt ist, im Mittelpunkt zu stehen. Die Bühne und die Religion, sie wurden schon früh Konstanten in seinem Leben.

Das Leben eines Kinderstars

Kamouss wird 1977 in Rabat, der Hauptstadt Marokkos, geboren. Der Vater, Betreiber eines mobilen Rummelplatzes, zieht mit Autoscootern und Kettenkarussells durchs Land, ist selten zu Haus. Statt seiner kümmert sich der große Bruder um Kamouss.

Er ist es auch, der Kamouss zum Islam führt; zur Tablighi Jamaat, einer muslimischen Missionsbewegung. Kamouss lernt, den Koran zu rezitieren; macht bei Wettbewerben den ersten oder zweiten Platz; mit sechs hält er erste Predigten. Es wird seine neue Welt.

Kamouss ist keine zwölf, als er im marokkanischen Fernsehen über islamische Ethik referiert. TV-Produzenten entdecken ihn, in einer Soap Opera spielt er den Sohn des Protagonisten. Eine Zeit lang führt er das Leben eines Kinderstars: wird mit einem Wagen von der Schule abgeholt, ans Set gebracht, verbringt die Drehpausen mit bekannten Schauspielern.

Mit 19 zieht er nach Deutschland, erst nach Leipzig, dann nach Berlin. Studiert Elektrotechnik an der Technischen Universität, forscht am Fraunhofer-Institut, arbeitet als Ingenieur. Mit 24 beginnt er als ehrenamtlicher Prediger in der Al-Nur-Moschee.

"Und die Zuhörer hatten Angst davor"

Die Islamwissenschaftlerin Julia Gerlach hat Kamouss in dieser Zeit in der Moschee erlebt. Sie beschreibt ihn als charismatischen Mann mit großer Wirkung, auch auf Frauen. In seinen Predigten sei es viel um die Hölle gegangen, sagt sie, um die Dinge, die einem drohen, wenn man sich nicht an religiöse Regeln hält. "Und die Zuhörer hatten Angst davor."

Doch dabei bleibt es nicht: 2009 zieht eine Gruppe aus dem Umfeld der Moschee in den bewaffneten Dschihad nach Pakistan, später gehen einige von Kamouss' Schülern nach Syrien. Es ist der wunde Punkt in seiner Biografie. Spricht man ihn darauf an, muss er erst einmal schlucken. Er ist es leid, sich ständig zu distanzieren.

Kamouss weiß, wie die Gesellschaft ihn sieht. Er weiß, was sie an seinem Wandel fasziniert; nicht umsonst schreibt er ein Buch darüber. Die Rolle des sündigen Büßers aber spielt er nur bis zu einem gewissen Punkt. Bei Jauch habe man ihn als Salafisten gecastet und vorgeführt – dabei hatte er sich da längst gewandelt. Überhaupt hätten die Medien vieles falsch dargestellt.