Und doch, von anderen Szenegrößen unterscheidet ihn die Einsicht. Er habe zwar nie Hass gepredigt, sagt Kamouss, dafür aber zu viel Wert auf die Ausübung der Religion gelegt – und darüber den Alltag seiner Schüler vergessen. Sein Islamverständnis sei zu theoretisch gewesen, sagt er, das habe die Radikalisierung "indirekt begünstigt".

Man könnte auch sagen: Er hatte seinen Schülern das selbstständige Denken ausgetrieben. Und dann kamen andere, radikalere Kräfte und übernahmen.

So wie bei Denis Cuspert, auch bekannt als "Deso Dogg". Als der in der Moschee auftauchte, war er ein geläuterter Kleinkrimineller. Ein ehemaliger Rapper, der den Durchbruch nicht geschafft hatte und Hip-Hop nun für haram, verboten, erklärte. Auch Cuspert besuchte Kamouss' Stunden, zog dann aber weiter in die deutlich radikalere as-Sahaba-Moschee, bevor er sich der offen dschihadistischen Millatu-Ibrahim-Bewegung anschloss. Später ging er nach Syrien, wo er zum bekanntesten Deutschen in den Reihen des "Islamischen Staats" aufstieg.

Offen und gesprächsbereit

Ein Mann, der nichts Böses plant, aus dessen Reihen aber Schüler in den bewaffneten Dschihad ziehen? Wie konnte es soweit kommen? Kamouss sagt, er wusste es nicht besser. "Ich lebte in einem Zelt. Erst als ich herauskam, erkannte ich, dass es nicht die Welt war." Es habe keine Ideologie dahinter gestanden.

Jochen Müller, Geschäftsführer von ufuq, teilt diese Einschätzung. Müllers Verein produziert unter anderem Unterrichtsmaterialien zum Thema Islamismus. In einem älteren Lehrvideo griff man eine von Kamouss' Predigten noch als warnendes Beispiel für den Salafismus auf; in diesem Jahr erscheint wieder ein Video mit ihm; diesmal geht es um seinen Wandel. Er habe Kamouss schon früher als offen und gesprächsbereit erlebt, sagt Müller. Als jemanden, der sein eigenes Islamverständnis vertritt – sich der Tragweite dessen aber vielleicht nicht ganz bewusst ist.

Kamouss selbst sagt, er müsse sorgfältiger mit seinen Worten umgehen, das sei ihm heute klar. Früher habe ihm dieses Wissen gefehlt. Es ist eine der Einsichten seines Wandels.

Die Selbstkritik entdeckt

Man kann diesen Wandel nachverfolgen, wenn man sich durch seine Videos klickt. Von religiösen Pflichten ist in den ersten die Rede, von "Ungläubigen" und dem Übel der westlichen Welt. Man sieht Kamouss darin mit den Armen fuchtelnd in der Al-Nur-Moschee stehen. Mit einer Zornesfalte im Gesicht und einem Grinsen.

Ein anderer Kamouss präsentiert sich in einem Video vom März 2016. Nachdenklich, stockend, der Blick verliert sich immer wieder im Nichts. "Wenn ich etwas durch meinen Wandel gelernt habe", sagt er, "dann, dass ich Kritik mag." Und dann, fast ungläubig, schiebt er hinterher: "Auch Selbstkritik." Eine halbe Stunde dauert der Film, der wirkt wie ein öffentlich geführtes Selbstgespräch. Kamouss entschuldigt sich darin für seine Emotionalität und den Allgemeinheitsanspruch seiner Predigten.

Ein weiteres Video, aufgenommen wenig später, zeigt Kamouss in der Berliner Al-Iman-Moschee; vor ihm etwa zwanzig Männer. "Wer von euch ist Sunnit?", fragt er ins Publikum; die Hälfte der Männer hebt die Hand. Und Schiit? Die andere Hälfte meldet sich. "Wir wollen nicht, dass man die Krise des Nahen Ostens hierher bringt", sagt Kamouss über den Konflikt beider Glaubensrichtungen, der immer wieder zu Kriegen geführt hat. Und fordert die jungen Männer auf, sich zu umarmen. Für viele eine kleine Sensation.