Der Wandel des Abdul Adhim Kamouss war ein Prozess. Und doch gab es bestimmte Schlüsselmomente, die ihn vorantrieben.

Da war das Treffen bei Ehrhart Körting, 2010. Der damalige Berliner Innensenator hatte zehn Imame, darunter Kamouss, in sein Büro geladen, um mit ihnen über Gewaltprävention zu sprechen. Kamouss fühlte sich erstmals von der Politik ernst genommen; mehr noch, er konnte jetzt die Sorge des Senators um die innere Sicherheit verstehen. "An seiner Stelle hätte ich einige Moscheen schließen lassen", sagt er. "Aber er hat das nicht getan. Da habe ich gedacht: Er ist viel toleranter als ich."

Da waren aber auch die Schüler, die sich von ihm abgewandt hatten. Kamouss war zwar konservativ, aber es gab Dinge, die gingen ihm zu weit; Gesichtsschleier zum Beispiel. Für einige Schüler machte ihn das zu einem Verräter. Das habe ihn getroffen, sagt Kamouss. Und er begann, sich in seinen Predigten weniger mit der religiösen Theorie, mehr mit der Praxis, dem Charakter des Menschen, zu befassen.

Auf der Todesliste des IS

All das hatte Folgen. Die Al-Nur-Moschee trennte sich nach seinem Jauch-Auftritt von ihm, die Al-Iman-Moschee setzte ihn nach seinem Sunniten-Schiiten-Vortrag ebenfalls vor die Tür, sagt er. Es gibt Prediger, die heute vor ihm warnen. Bärtige Männer in langen Roben, die ihre Predigten teils über YouTube und Facebook verbreiten. Für sie ist Kamouss ein Fehlgeleiteter, ein Abtrünniger.

Doch es blieb nicht bei Warnungen. Kamouss spricht selten darüber, aber die Gefahr ist durchaus real. Schon in der Al-Nur-Moschee habe er Morddrohungen Rechtsextremer erhalten. Nach seinem Wandel wurde er dann vor allem von anderer Seite bedroht. Da waren die fünf Männer aus der Fussilet-Moschee, in der auch der Attentäter Anis Amri verkehrte, die ihn auf offener Straße schlugen. Da war der Tag, als ihn die Polizei aufs Revier bat, um ihn zu warnen: Er stand auf einer Todesliste des IS.

Da war vor allem diese Nacht im Frühjahr 2017. Seine Kinder und seine Frau schliefen schon. Kamouss lag im Bett, Kopfhörer in den Ohren, als er ein Piepen hörte. Ein Wecker, dachte er. Und merkte erst, als er die Stöpsel aus den Ohren zog, dass das Geräusch viel lauter war. Der Feuermelder. Als er die Tür aufriss, schlug ihm eine schwarze Rauchwolke entgegen; Jemand hatte den Kinderwagen angezündet. Kamouss, seine Frau und Kinder hechteten durch die Flammen; mussten mit Brandvergiftungen ins Krankenhaus.

Vertrauen in den Verfassungsschutz

Ob er in diesen Momenten ans Aufhören gedacht habe? Nicht wirklich, er fühle sich in Deutschland sicher, sagt Kamouss. Und dass er dem Verfassungsschutz vertraue. Was nicht frei von Ironie ist: Vor acht Jahren wurde er noch selbst im Bericht der Behörde erwähnt.

Warum zieht dieser Mann so viel Hass auf sich, wofür steht er? In den Grundsätzen bekennt sich seine Stiftung zum Grundgesetz und zur Gleichberechtigung, sie distanziert sich von Antisemitismus, Homophobie, extremistischer Gewalt und strebt die Zusammenarbeit mit anderen Weltanschauungen an. Aspekte, die an die liberale Ibn-Rushd-Goethe-Moschee der Frauenrechtlerin Seyran Ateş erinnern; auch sie wird mit dem Tod bedroht. Und doch gibt es Unterschiede.

In den Statuten von Kamouss' Stiftung ist von einem Islamverständnis "jenseits starrer, wortgetreuer Lesart und religiöser Beliebigkeit" die Rede. Ein Verständnis – so lässt sich das auslegen – zwischen den dogmatischen Auffassungen der Salafisten auf der einen, und einer – aus Sicht der Stiftung – zu liberalen Ausrichtung, wie sie Ateş' Moschee vertritt, auf der anderen Seite.