Dieser Text ist Teil unserer neuen Serie "Heimatmysterium". Hier suchen wir nach dem, was Menschen in Deutschland verbindet – Religion, Politik, Beruf, Hobby, Herkunft oder Lebenssituation. Dem, was deutsche Heimaten ausmacht.

© ZEIT ONLINE

Auf einem Rastplatz irgendwo auf der A9 zwischen München und Nürnberg öffnet Lutz Quester den Kofferraum seines weißen Audi. Im Netz an der rechten Seite klemmt ein altes Buch. Er nimmt es heraus, öffnet den Buchdeckel und holt zwei Fotos heraus. Das eine ist ein runder Sticker. Er zeigt das Konterfei des früheren bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß, umkreist vom Spruch: "Unser Mann. Einfach Spitze." Quester tippt auf das Bild. "Der musste nicht mal die Partei dazuschreiben. Jeder wusste, wer er ist und für was er steht."

"Keiner will die Mitte"

Lutz Quester ist 59 Jahre alt, seit 25 Jahren in der CSU, er ist selbstständig und er ist ein Mann. Er ist also ziemlich genau das statistische Durchschnittsmitglied dieser Partei, die Deutschland in den letzten Wochen so in Atem gehalten hat. Doch wenn man ihn darauf anspricht, dann winkt er ab. Denn erstens ist es tatsächlich schwierig, einen ehemaligen politischen Häftling aus der DDR als Durchschnitt für irgendwas zu bezeichnen. Und zweitens mag er es nicht, Durchschnitt zu sein. "Keiner will die Mitte", sagt er. "Mitte suggeriert Mittelmäßigkeit, und das will kein Kunde und kein Wähler." Durchschnittlichkeit ist für ihn genau das, was bei der CSU in den letzten Jahren falsch gelaufen ist. 

Er wird in den nächsten Stunden noch oft solche Vergleiche zwischen seinen beiden Lebenswelten anstellen, seiner Selbstständigkeit im Weinvertrieb und dem Amt als Vizeortschef der CSU von Nürnberg-Langwasser. Die Wähler, so sieht er es, sind die Kunden im Parteien-Supermarkt, und viele sind seit Jahrzehnten treu. Doch die Union, die habe die Regale verschoben und die Kunden verwirrt. "Die CSU hat es in den letzten Jahren verpasst, ihre Position am rechten Rand zu verteidigen", sagt er. "Sie sind weiter in die Mitte gerückt und der CDU zu lange dorthin gefolgt." Aber die CSU sei nicht die Mitte, und das erkämpfe sie sich nun zurück. Mit ihm, ganz vorn dabei.

Nürnberg nennt Quester seit 30 Jahren seine Heimat, aber aufgewachsen ist er in Dresden. Er spricht fränkischen Dialekt, und nur wenn er von seiner Vergangenheit erzählt, mischt sich eine leichte sächsische Note darunter. Er trägt oft Weiß-Blau, auch heute: weißes Hemd über gebräunter Haut, marineblaues Jacket, weiße Hose mit kleinen dunkelblauen Rauten. Für die meisten Deutschen ist die Raute Merkels Zeichen. Für Quester dagegen ist sie das Zeichen dafür, dass Bayern und CSU zusammengehören, und sogar mehr als das. "Die CSU und Bayern, das ist für mich dasselbe", sagt er.

Es war Franz-Josef Strauß, der ihn zur CSU brachte. Als Kind in der DDR habe er erst herausbekommen müssen, wer ihm die Wahrheit erzähle: die Schule? Die Eltern, die heimlich Westradio hörten? Oder lag die Wahrheit in dem Paket von Oma aus dem Westen, mit den Kaugummis, Mickey-Mouse-Heften und Jeanshosen? Quester erinnert sich, wie er mit 16 gerade für die Abschlussprüfungen lernte und heimlich Deutschlandfunk hörte, als Strauß im Bundestag sagte, dass die deutsche Teilung nur vorübergehend sei. "Der war einfach ein Macher", sagt Quester. Der habe in einer Sprache gesprochen, die auch in der DDR verstanden wurde.

Lutz Quester, CSU-Mitglied © Sonja Och für ZEIT ONLINE

Wenn er nun bald von Tür zu Tür geht, um Wahlwerbung für den CSU-Direktkandidaten von Nürnberg Süd zu machen, dann will er sie mit seiner Vergangenheit überzeugen: "Ich bin in Unfreiheit geboren. Die CSU hat immer an die Einheit Deutschlands geglaubt. Deswegen CSU forever."

Das zweite Foto, das Quester immer im Auto dabeihat, zeigt ihn selbst vor dem Reichstag. Auf der Brust trägt er seine mittlerweile feste Startnummer beim Berlin-Marathon. 17 Mal ist er ihn schon gelaufen. In den Händen hält er dabei immer eine Bayernfahne. "Wenn ich nicht mehr kann, wedel ich mit der Fahne. Dann rufen die Leute am Rand entweder ‚Super Bayern’ oder ‚Scheiß Bayern’. Beides gibt mir Kraft, weiterzulaufen."