Am Samstag jährt sich der Christopher Street Day (CSD) in Berlin zum vierzigsten Mal. 500.000 Menschen werden in einer bunten Parade durch die Innenstadt ziehen und für einen offenen Umgang mit Geschlechteridentitäten und sexuellen Orientierungen demonstrieren. Seit vier Jahren wollen die Organisatorinnen und Organisatoren die Parade wieder politischer gestalten und haben dafür elf Forderungen aufgestellt. Wir sprechen mit Bernd Gaiser, einem der Initiatoren des CSD, und der feministischen Rapperin Sookee über einen Kampf in unterschiedlichen Generationen.

ZEIT ONLINE: 1979 fand der erste Christopher Street Day (CSD) in Berlin statt, eine Erinnerung an die ersten bekannt gewordenen Proteste von Homo- und Transsexuellen in der New Yorker Christopher Street 1969. Dort war es zu tagelangen Straßenschlachten gekommen, sie markieren den Beginn der Lesben- und Schwulenbewegung. Herr Geiser, Sie haben mit Freunden den ersten Berliner CSD initiiert. Wie erinnern Sie sich an den Tag?

Bernd Gaiser: Es war ein großes und aufregendes Gefühl. Wir haben ja schon sechs Jahre zuvor, an Pfingsten 1973, eine Demo auf dem Berliner Ku'damm organisiert. Da waren Lesben und Schwule gemeinsam auf die Straße gegangen, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen und ihre Lebensweise sichtbar zu machen. Uns war damals schon bewusst: Nur wenn wir uns als Lesben und Schwule öffentlich machen und die Gesellschaft mit uns konfrontieren, können wir sie dazu zwingen, zu uns Stellung zu nehmen und ihre Einstellung zu uns zu verändern. Zum ersten CSD kamen dann auch entgegen aller Widerstände 500 Schwule und Lesben.

Bernd Gaiser wurde 1945 geboren und gehört zu den bekanntesten Schwulenaktivisten Deutschlands. Er ist Mitbegründer des Berliner Christopher Street Day und des Clubs SchwuZ. 2017 erhielt er den Soul of Stonewall Award. © Matthias Balk/dpa

ZEIT ONLINE: Und bei Ihnen, Sookee? Zum Zeitpunkt der ersten Proteste in Deutschland waren Sie noch gar nicht geboren.

Sookee: Bei meinem ersten CSD war ich 15, das muss Ende der Neunziger gewesen sein. Ich war sehr aufgeregt, fühlte mich aber auch etwas verloren, weil ich alleine hingegangen bin und noch keine Anbindung an queere Gruppen hatte. Aber ich habe sofort gespürt, dass der CSD ein ganz besonderer Raum war. Die Menschen hatten an diesem einen Tag alles rausgelassen, was sie sonst nicht zeigen konnten. Ich habe gemerkt: Da geht es um etwas.

ZEIT ONLINE: Was war Ihre Motivation, zum CSD zu gehen?

Sookee: Ich komme aus einer sehr politischen Familie, meine Eltern waren Dissidenten in der DDR, ich interessierte mich für Fragen von Freiheit und Unfreiheit. Dazu kommt, dass ich als Kind schon festgestellt habe, dass ich bisexuell bin. Wenn der Sänger Elton John oder die Dragqueen RuPaul im Fernsehen waren, wusste ich: Das ist mein Moment.

Sookee ist eine queer-feministische Rapperin und performt zum Abschluss des CSD vor dem Brandenburger Tor. Mit ihrem letzten Album "Mortem & Makeup" (2017) will sie sich Menschen außerhalb der linken akademischen Blase öffnen. © Eylul Aslan

ZEIT ONLINE: Hatten Sie jemals Angst?

Gaiser: Ganz am Anfang, in den Siebzigern, da hatte ich Angst. Wir hatten extreme Reaktionen aus der Bevölkerung bekommen. Einer sagte mir: "Schade, dass ihr als Schwule nicht alle vergast worden seid." In der Zeit zwischen der ersten Demo 1973 und dem ersten CSD hat aber eine gesellschaftliche Liberalisierung stattgefunden. Die Abwehr war nicht mehr ganz so stark. Die Leute waren eher bereit, unsere Anregungen aufzunehmen und darüber nachzudenken.

ZEIT ONLINE: Sie konnten also auch im Alltag offen mit Ihrer Homosexualität umgehen?

Gaiser: Ich habe mich nach dem ersten CSD auch an meinem Arbeitsplatz als homosexuell geoutet. Ich habe mich mit meinen Freunden mittags in der TU-Mensa getroffen, einen Fummel angezogen, mich schöngeschminkt. So bin ich zur Arbeit gegangen, einer großen Berliner Buchhandlung. Meine Kollegen hatten immer behauptet, keine Schwulen zu kennen. Ich wollte sie damit konfrontieren, dass das nicht so ist. Sie haben darauf ganz offen und zustimmend reagiert. Anders war das bei den schwulen Lehrern unter uns. Als sie vor ihrer Klasse ihre Homosexualität offenbart haben, wurden sie sehr schnell fristlos entlassen. Homosexualität wurde im Schuldienst nicht geduldet. Wir haben anderthalb Jahre gekämpft, bis die Schulbehörden durch ein Gericht gezwungen wurden, Homosexualität als Kündigungsgrund zu streichen.

Sookee: Wenn ich solche Geschichten höre, kann ich gar nicht so viele Hüte aufsetzen wie ich ziehen will. Da krieg ich richtig Gänsehaut, wenn Leute etwas auf den Weg bringen, das später in die Geschichte eingeht.

Gaiser: Wir hätten es uns umgekehrt auch nie erträumen lassen, dass daraus so eine große Bewegung entstehen könnte.