In einem Herbst in Brandenburg saß an einer Kaffeetafel ein Dutzend Menschen zusammen. Beamte, Handwerker, Lehrer und ich. Es war kurz nachdem vor Lampedusa mehr als 300 Menschen ertrunken waren. Das Gespräch kam auf Flüchtlinge. Irgendwann sagte eine Lehrerin: "Es gibt nur eine Möglichkeit. Die müssen alle ersaufen." Beifälliges Nicken an der Tafel. Ich widersprach, aber weil ich mich aufregte, wurde ich laut. Ich solle mal nicht unsachlich werden, sagte einer.

Diese Episode ereignete sich vor fünf Jahren. Lange bevor die Erzählung von der geplanten "Umvolkung" Deutschlands auch in bürgerlichen Kreisen sehr viel populärer wurde. Zum Glück aber ist es bis heute ein Tabu geblieben, das öffentliche Ertrinken von Flüchtlingen zur Abschreckung explizit zu fordern. Wie lange noch?

DIE ZEIT hat in ihrer aktuellen Ausgabe in einem Pro und Contra die Frage diskutiert, ob es gut sei, dass private Initiativen und Nichtregierungsorganisationen Flüchtlinge auf dem Mittelmeer retten. Oder ob die Retter es nur gut meinen – und in Wahrheit ein Teil des Problems seien, weil sie längst zum Kalkül libyscher Menschenschmuggler gehörten. Der Beitrag hat viel Kritik ausgelöst, hitzige ebenso wie teils überzogene.

Einige werfen Mariam Lau, der Autorin des Contra, zu Unrecht vor, sich gegen das Gebot der Seenotrettung als solches auszusprechen. Das tut sie nicht. Sie stellt die Frage, ob die privaten Rettungsversuche zu dem Ziel beitragen, dass weniger Menschen sich in die elenden Schlauchboote begeben. Diese Frage muss gestellt werden dürfen.

Ein weiterer, nachvollziehbarer Grund für die Empörung, die der Beitrag hervorrief, ist seine Aufmachung. "Oder soll man es lassen?" lautet seine Überschrift. Das korrespondierende Bild in der Printausgabe zeigt Flüchtende, die vor dem Ertrinken gerettet werden. Der beiläufige Klang der Überschrift scheint den Tod von Menschen zu etwas Verhandelbarem zu machen, auch wenn schon die Unterzeile präzisiert, worum es geht. Bernd Ulrich, stellvertretender Chefredakteur und Politikchef der ZEIT, bezeichnet die Überschrift als Fehler, die Chefredaktion hat die missverständliche Aufmachung in einem Blogbeitrag bedauert.

Alexander Gauland und die AfD kommen gut voran

Der dritte Grund, warum dieser und viele ähnliche Beiträge, die neuerdings zu lesen, zu hören und zu sehen sind, möglichst viel Widerspruch verdienen, wird sehr viel seltener diskutiert: Auch im Contra von Mariam Lau spiegelt sich an zu vielen Stellen jene zunehmende Empathielosigkeit gegenüber dem Leid der anderen, die man in Deutschland an immer mehr Orten spüren kann, nicht mehr nur an Kaffeetischen in Brandenburg.