"Es ist eine Mischung aus Bestürzung, Trauer, Mitgefühl und einem Suchen nach Rat." Das sagt Klaus Herkenrath, der Sprecher der Universität Bonn – und er drückt damit die allgemeine Stimmung in Bonn aus nach dem antisemitischen Übergriff auf einen jüdischen Gastprofessor aus den USA im Hofgarten und dem aus dem Ruder gelaufenen anschließenden Polizeieinsatz. Wie soll man mit dem Geschehenen nun umgehen? Am Montagmorgen haben sich bei der Bonner Polizei, bei der Stadt, an der Uni hochrangige Entscheider und Pressesprecher zusammengesetzt, um diese Frage zu diskutieren.

Nach dem Vorfall seien Dutzende Mails und Anrufe aus der Bevölkerung eingegangen, sagt Herkenrath. "Es gibt ein hohes Bedürfnis nach Aufklärung. Es gibt viele Fragen, und wir müssen nun die Antworten finden." Die Betroffenheit ist spürbar. Den Beteiligten ist klar: Was passiert sein soll, ist schwerwiegend, der Druck vor allem auf die Ermittlungsbehörde inzwischen gewaltig.

Bereits am vergangenen Mittwochnachmittag soll der aus Baltimore stammende Philosophieprofessor Jitzchak Jochanan Melamed bei einem Spaziergang im Bonner Hofgarten von einem 20 Jahre alten Deutschen mit palästinensischen Wurzeln antisemitisch beschimpft und attackiert worden sein. Drei Mal – so schildert es Melamed in einer am Wochenende veröffentlichten Erklärung – habe der Mann ihm seine Kippa vom Kopf geschlagen. Eine Begleiterin des Professors soll daraufhin Passanten gebeten haben, die Polizei zu rufen.

Warum sei Melamed nicht zum Arzt gegangen?

Die Beamten rückten daraufhin mit zwei Streifenwagen an. Dann soll es nach Darstellung der Polizei zu seiner folgenschweren Verwechslung gekommen sein: Statt den mutmaßlichen Täter zu schnappen, gingen die vier Bereitschaftspolizisten auf Melamed los, drückten ihn zu Boden und fixierten ihn. Einer von ihnen soll den 50-Jährigen dann geschlagen haben.

Der Professor, der inzwischen in seine Heimatstadt zurückgekehrt ist, spricht in seinem Schreiben von Dutzenden Schlägen. In einem Interview mit den Zeitungen der Funke-Gruppe präzisierte er seine Angaben: Zwischen 50 und 70 Hiebe ins Gesicht sollen es gewesen sein. Die Polizei hatte den Vorfall eingeräumt und sich entschuldigt. Allerdings behauptet sie, dass Melamed sich gewehrt haben soll – was dieser wiederum vehement bestreitet. Zur Anzahl der Schläge will sich die Polizei aufgrund des laufenden Ermittlungsverfahrens nicht äußern. "Was der Professor in seinem Brief schreibt, hat uns sehr betroffen gemacht", sagt der Polizeisprecher Robert Scholten. "Die genannte Zahl der Schläge ist ein massiver Vorwurf. Unsere Aufgabe ist es nun, uns diesen Vorwürfen zu stellen."

Aus Ermittlungskreisen werden allerdings Zweifel an Melameds Darstellung laut. Der Tenor: Wie konnte er, nachdem er so häufig geschlagen worden sei, nur wenige Stunden nach der Tat noch eine Vorlesung halten? Und warum habe er denn keinen Arzt aufgesucht? Es sind unbequeme Fragen, mit denen sich die Ermittler nun intern beschäftigen müssen. Melamed hatte sich nach der Polizeiattacke selbst fotografiert und die Bilder auf seinem Facebook-Profil veröffentlicht.