Die deutliche Mehrheit der Deutschen unterstützt einer Studie zufolge die Rettungseinsätze von privaten Organisationen im Mittelmeer. Drei von vier Befragten finden die Arbeit der Seenotretter richtig, wie aus einer Emnid-Umfrage für die Bild-Zeitung hervorgeht. Etwa jeder Fünfte sieht das demnach nicht so. Für die Umfrage wurden 505 repräsentativ ausgewählte Personen befragt.

38 Prozent der Befragten äußerten die Meinung, dass die Retter das Geschäft der Schleuser unterstützten. Eine Mehrheit von 56 Prozent glaubt das laut der Umfrage nicht.

Bei der Frage, wohin im Mittelmeer gerettete Menschen gebracht werden sollen, zeigten sich die Umfrageteilnehmer gespalten: 43 Prozent sprachen sich für Nordafrika aus, 42 Prozent dafür, dass die Menschen nach Europa dürfen.

Nach dem Seevölkerrecht sind gerettete Menschen, wie der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags in einem Rechtsgutachten vom 31. Juli 2017 schreibt, nicht in den nächsten Hafen, sondern "innerhalb einer angemessenen Zeit an einen 'sicheren Ort' zu bringen". Nach Libyen dürften laut diesem Kriterium keine Geretteten zurückgebracht werden. Auch Tunesien und Ägypten sind der Menschenrechtsorganisation Pro Asyl zufolge keine Option, weil Geflüchtete dort immer wieder im Gefängnis landen. In Tunesien können Flüchtlinge keinen Asylantrag stellen, weil das Land kein Asylgesetz hat.

In der Emnid-Umfrage plädierte eine Mehrheit von 42 Prozent dafür, weniger Flüchtlinge aufzunehmen, während sieben Prozent forderten, Deutschland solle mehr Geflüchteten als bisher Schutz geben. 30 Prozent sagten, die Zahl der Aufgenommenen solle etwa gleich bleiben wie bisher. Elf Prozent zeigten sich gegen jede Aufnahme Schutzsuchender.

Zuletzt hatte sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) für die privaten Seenotretter ausgesprochen. Sie schätze deren Arbeit, vorausgesetzt, sie hielten sich an die Rechtsordnung, teilte Merkel am Freitag mit. So müssten die territorialen Gewässer Libyens respektiert werden. Die Seenotrettung sei eine internationale Aufgabe, "aus der man sich sowieso nicht herausziehen kann". Man könne aber versuchen, Menschen davon abzuhalten, ihr Leben in Gefahr zu bringen.

Zukunft von EU-Rettungsmission Sophia ungewiss

Seit Wochen wird die Arbeit von privaten Hilfsorganisationen auf dem Mittelmeer eingeschränkt. Im vergangenen Monat hatten Italien und Malta verweigert, das Hilfsschiff Lifeline mit 234 Menschen an Bord anlegen zu lassen, weshalb das Schiff tagelang im Mittelmeer ausharren musste. Schließlich konnte es doch in Malta anlegen. Zuvor hatten Italien und Malta das Rettungsschiff Aquarius mit 630 Flüchtlingen an Bord zurückgewiesen, sodass es nach Spanien umgelenkt werden musste.

Nicht nur die Einsätze privater Organisationen, auch die staatlichen Rettungsmissionen stehen unter Druck. Am Freitag wurde bekannt, dass die rechte italienische Regierung mit Innenminister Matteo Salvini künftig keine Flüchtlinge mehr aufnehmen will, die von den Schiffen der EU-Mission Sophia gerettet werden. Die Mission soll dennoch bis Ende August weiterlaufen, bis eine gemeinsame Lösung innerhalb der EU mit Italien gefunden ist. Deutschland beteiligt sich mit einem Schiff an Sophia.

Der ehemalige Grünen-Parteichef Jürgen Trittin fürchtet ein Scheitern der gesamten europäischen Seenotrettung im Mittelmeer. "Wenn Schiffe der Grenzschutzagentur Frontex und andere EU-Marineboote nicht mehr retten können, weil sie die Flüchtlinge nirgends in Europa an Land bringen können, werden sie nicht mehr auslaufen können", sagte Trittin der Oldenburger Nordwest-Zeitung. "Seenotrettung findet dann nicht mehr statt." Der Name "Operation Sophia" verkomme zur zynischen Begleitmusik für tausendfaches Sterben im Mittelmeer. Trittin warf dem deutschen Innenminister Horst Seehofer, seinem italienischen Amtskollegen Salvini und Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz vor, sich zu einer "Achse der Willigen" zusammengeschlossen zu haben, um die Mittelmeerroute für Flüchtlinge abzuriegeln.

Retter zeigen libysche Küstenwache an

Im Juni starben laut der Internationalen Organisation für Migration (IOM) 629 Menschen auf dem Mittelmeer. Ein starker Anstieg: Im Mai waren es noch 48 gewesen. Einer Studie der Universität Oxford von 2017 zufolge steigt die Zahl der Toten, wenn weniger Retter auf dem Mittelmeer unterwegs sind. Vermehrte Rettungseinsätze erhöhten hingegen nicht die Zahl der über das Mittelmeer fliehenden Menschen.

In diesem Jahr kamen erstmals mehr Flüchtlinge in Spanien an als in Italien, auch wegen dessen restriktiver Flüchtlingspolitik. An diesem Samstag erreichte ein Rettungsschiff mit einer Migrantin und zwei Leichen an Bord den Hafen von Palma auf Mallorca. Auch die italienische Regierung hatte dem Schiff einen Anlegeplatz angeboten. Allerdings wollte sich Italien nur um die Überlebende, nicht aber um die Toten kümmern. Daraufhin steuerte das Schiff der Hilfsorganisation Proactiva Open Arms Spanien an. 

Proactiva hatte die Überlebende und die beiden Leichen inmitten von zerstörten Überresten ihres Plastikboots auf dem Mittelmeer entdeckt. Die Organisation ist davon überzeugt, dass die libysche Küstenwache die Flüchtlinge nach einer Rettung im Mittelmeer zurückgelassen hat, weil sie sich geweigert hatten, nach Libyen zurückgebracht zu werden. Deswegen haben die Retter die libysche Küstenwache angeklagt.

Flüchtlinge im Mittelmeer - Das Sterben geht weiter Weniger Menschen flüchten in die EU, dennoch fordern Politiker verschärfte Maßnahmen an den Grenzen. Flüchtlingshelfer warnen vor noch mehr Toten. Ein Überblick im Video © Foto: Aris Messinis/AFP/Getty