Bei der Flucht über das Mittelmeer sind nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) seit Anfang des Jahres mindestens 1.405 Menschen gestorben. Die Zahl der Toten sei um 40 Prozent höher als bislang befürchtet, berichtete die IOM. Das UN-Flüchtlingshilfswerk geht von 1.355 Toten aus.

In der neuesten Statistik sind auch die mindestens 218 Menschen erfasst, die seit dem vergangenen Freitag nördlich und östlich von Tripolis ertranken. "In den vergangenen zwei Wochen sind mindestens 34 Leichen an den Küsten Libyens angespült worden", sagte Julia Black vom Datenanalysezentrum der IOM. Helferinnen und Helfer gehen davon aus, dass die Zahl deutlich höher liegt, weil nicht alle Todesfälle bekannt werden. Zahlreiche Migranten werden vermisst.

Weniger Überfahrten, weniger Tote

Nach mehreren Abschottungsmaßnahmen ist die Zahl der Überfahrten nach Europa über die verschiedenen Mittelmeerrouten deutlich gesunken. Viele schaffen es erst gar nicht mehr aufs Wasser und sterben bereits auf dem Weg in der Wüste. In diesem Jahr gab es nach IOM-Angaben bis Juli 45.808 Seeüberfahrten, vor einem Jahr waren es noch mehr als doppelt so viele (100.923). Entsprechend sank die Zahl der Toten im Mittelmeer. Bis Juli 2017 waren 2.268 Menschen gestorben (2018: 1.405).

Im Asylstreit versuchen europäischen Regierungen nun, die Zahl der gefährlichen Überfahrten weiter zu senken. Auf dem EU-Gipfel am 28. Juni hatten sich die Mitgliedsstaaten darauf geeinigt, Flüchtlinge an den EU-Außengrenzen verstärkt an der Einreise zu hindern. Die Maßnahmen sollen dem EU-Kommissar Günther Oettinger zufolge bis September ausgearbeitet und verabschiedet werden sowie zum Jahreswechsel in Kraft treten. Diskutiert werden unter anderem disembarkation platforms, also Lager außerhalb der EU, in denen zum Beispiel der UNHCR die Chance auf Asyl prüfen könnte.

EU prüft Asylzentren außerhalb der EU

Allerdings hat sich bislang kein infrage kommendes Land bereit erklärt, solche Aufnahmelager zu errichten. Die tunesischen und albanischen Behörden sagten auf Anfrage von ZEIT ONLINE, sie wüssten von keiner Anfrage. Libysche Verhandlungsführer schlossen bereits am Montag Asylzentren aus, stattdessen halten sie an einem Abkommen mit Italien fest und dringen auf Alternativen wie Niger oder den Tschad. Und Marokkos Direktor für Migration und Grenzschutz Chalid Zeruali sagte, das Königreich habe kein Interesse an solchen Einrichtungen.

Auch die SPD ist gegen solche Aufnahmezentren. Einem SPD-Papier zufolge, das dem Spiegel vorliegt, benötigen Schutzsuchende "Sicherheit, Perspektiven und eine schnelle Integration". Wer allerdings keinen Schutzanspruch hat, müsse in sein Heimatland oder einen sicheren Drittstaat zurückkehren. Flüchtlinge dürfen nicht in geschlossenen Lagern (controlled areas) untergebracht werden – die oftmals "den humanitären Standards unseres Kontinents nicht entsprechen".