Dakar, Senegal

Trau keinem Thermometer! Der Wetterbericht mag die ewig gleichen 29, 30 oder 32 Grad verkünden, die Hitze aber, die ist immer anders. Da ist die feuchte Hitze der Regenzeit in den Monaten Juli und August, in denen man nachts aneinanderklebt, einem selbst nach geringster Anstrengung Schweißtropfen über die Stirn fließen und jede Yogastunde zur Sauna wird. Nach Monaten der Trockenheit, in denen sich kein Regentropfen zeigen wollte, wird das Land endlich wieder grün. Die mächtigen Affenbrotbäume, die monatelang nackt herumstanden, vergessenen Urzeittieren gleichend, tragen wieder Blätter, die Bougainvilleen und Flamboyants strahlen in neuem Glanz, frisch gewaschen und von Staub befreit. Es ist, als wolle das ganze Land gierig den Regen auftrinken.

Und dann ist da die Hitze des Oktobers, trocken und unerbittlich, die den Passanten zur Mittagszeit traktiert wie ein Faustschlag und jeden Schritt zum Kraftakt macht. "Heute ist es aber wirklich heiß", sagen die Nachbarn dann – und sie sagen es jeden Tag aufs Neue. Die Luft fühlt sich an, als würde einem permanent ein heißer Föhn ins Gesicht blasen – 32 Grad, sagt der Wetterbericht noch immer, ja, sind die denn jemals vor die Tür gegangen?

Die Regenzeit bringt die Mücken, sie macht die Menschen träge. Wer kann, verreist, die anderen arbeiten mit halber Kraft weiter, Dakar verfällt in einen Sommerschlaf. Und wacht im Grunde nur auf, wenn es an den Strand geht. Und alle, wirklich alle, gehen an den Strand. Das Meer ist hier nie weit entfernt, Dakar liegt auf einer Halbinsel. Man muss sich nur aussuchen, welche Art von Meer man heute gerade möchte. Entspanntes Schwimmen? Es gibt die Stellen, an denen der Atlantik weich und sanft an den Strand rollt, an denen die Wellen so zahm sind, dass man kilometerweit schwimmen kann, mit Blick auf die Île de Gorée und die Skyline der Innenstadt. Und dann sind da die anderen, in denen das Meer mit Wucht an die Küste braust, das Reich der Wellenreiter, Bodyboarder und all jener, die gerne in den Wellen spielen. Man kann das stundenlang machen, denn mit dem Sommer wird der Atlantik, der im Winter empfindlich kalt werden kann, badewannenwarm. Und ist doch immer noch erfrischender als die Hitze an Land.

Abends, wenn es abkühlt, verwandeln sich die Strände in ein gewaltiges Outdoor-Fitnessstudio. Fußballer kicken, muskelbepackte Ringer wälzen sich im Sand, das ist im Senegal Nationalsport, Rudel von Joggern hecheln von einem Ende des Strands zum anderen, machen Sit-ups, Liegestütze, hüpfen in der Hocke durch den Sand. Es ist ein einziges kollektives Keuchen. Denn der Dakarois, erklärte mir ein Professor einmal, sei ein Snob. Stets wolle er gut aussehen. Und deshalb konkurrieren die Männer hier um den perfekten Sixpack, die beeindruckendsten Oberarme, Hitze hin oder her. Ich schreibe Männer, denn mit Ausnahme einzelner Frauengruppen, die sich zum Aerobic oder Powerwalken zusammenfinden, sieht man fast ausschließlich Männer beim Training am Strand.

Am Wochenende aber kommen dann wirklich alle. Man muss nur einmal an den Plage BCEAO gehen, am Rande des Stadtteils Yoff. Es ist ein kilometerlanger Jahrmarkt. Man spielt Musik, knabbert Nüsse, belegte Brote oder Samosas, trinkt karadamomgewürzten Kaffee oder eiskalten Hibiskussaft. Versucht, den Strandverkäufern zu entkommen, die mit unermüdlicher Beharrlichkeit – Akzeptanz durch Penetranz – ihre Waren feilbieten. Und flaniert von Spektakel zu Spektakel. Da sind die Akrobaten, die vor großem Publikum ihre Saltos, doppelten Flickflacks und Schrauben darbieten. Der Ringwettkampf, in dem Kinder, Jugendliche und Männer – nach Gewichtsklassen geordnet – unter großem Publikumsgeschrei um Kekse oder Getränke kämpfen. Angefeuert von einem Moderator, dessen Stimme sich immer weiter in die Höhe schraubt. 30 Grad fühlen sich plötzlich ganz wunderbar an.

Angela Köckritz